— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

10

Ten. F/IR 2002. R,B,K,S: Abbas Kiarostami. S: Vahid Ghazi, Bahman Kiarostami. M: Howard Blake. P: MK2. D: Mania Akbari, Amin Maher u.a.
94 Min. Alamode ab 10.7.03
Von Thomas Warnecke Abbas Kiarostamis Filme waren nie von übermäßig vielen Schnitten respektive Wechseln der Einstellungsgrößen geprägt, sondern eher von einem direkten In-den-Blick-Nehmen des Wesentlichen. Dazu genügen ihm in seinem neuen Film 10 ganze zwei Einstellungen: Vom Armaturenbrett eines Autos aus filmt er abwechselnd die Fahrerin und ihren jeweiligen Mitfahrer. In vier der zehn Episoden ist das der Sohn der Fahrerin, ansonsten wechseln sich unterschiedliche Frauen auf dem Beifahrersitz ab.

Entscheidend ist dabei nicht die experimentelle Anlage des Films, die im übrigen weniger ungewöhnlich als vielmehr ökonomisch erscheint; die Verbindung von Autofahrt und Dialog ist nicht erst seit Pulp Fiction ein filmischer Standard – der auf 90 Minuten ausgedehnt allerdings nicht durchweg Kurzweil garantiert. Doch gerade im westlichen Kulturkreis, dessen Autoindustrie seit Jahren bestrebt ist, den Autoinnenraum zum zweiten Wohnzimmer zu machen, müßte es sinnfällig erscheinen, daß es Kiarostami ins Autoinnere zieht. Wenn sie sich keine wilden Verbalgefechte mit ihrem Sohn liefert, kann die Protagonistin unbehelligt mit anderen Frauen über Dinge reden, für die es im Land der Mullahs ansonsten wenig Platz und Gehör geben dürfte: über Scheidung und Männerherrschaft, Prostitution und Abtreibung, Glaube und Unglaube.

In dieser freien, privaten und durchs Kino öffentlichen Rede liegt die subversive Kraft des Films, nicht in seiner formalen Beschränkung. Der geschützte Raum des Autos ersetzt das, was in vielen bisherigen iranischen Filmen der entlegene Schauplatz war: ein Freiraum vor dem Zugriff staatlicher Macht. Dank Abbas Kiarostami haben wir von nun an die Möglichkeit, bei Teheran nicht nur an eine Kapitale der Achse des Bösen zu denken, sondern auch an die hübsche, moderne Mania Akbari, die ihrem rotzfrechen Sohn ein Eis besorgt. Kann Kino mehr leisten? 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #31.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap