— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

100 Schritte

I cento passi. I 2000. R,B: Marco Tullio Giordana. B: Claudio Fava, Monica Zapelli. K: Roberto Forza. S: Roberto Missiroli. P: Titti Film, Rai Cinema. D: Luigi Lo Cascio, Luigi Maria Burruano, Lucia Sardo, Paolo Briguglia u.a.
114 Min. Schwarz-Weiß Verleih ab 28.8.03

Mafia und Medien

Von Thomas Warnecke Auf Weniges verstehen sich die Italiener seit Jahrhunderten so gut wie auf Heiligenverehrung, mit allen visuellen Mitteln wird an den Aufbewahrungsorten ihrer Reliquien ihre Legende verlebendigt; und wo im amerikanischen Mafiafilm alles auf gewaltsame Entladung hinausläuft, bewegen sich ihre italienischen Pendants unweigerlich auf eine Beerdigung zu. Mit 100 Schritte ist Italien um einen Leichnam und seine Legende reicher: Marco Tullio Giordanas Film zeigt einen säkularisierten sizilianischen Christus, mit Jüngerschar, Bergpredigt, schmerzensreicher Mutter und sogar einem Hauptmann, der angesichts des toten Helden bekehrt wird. Vorlage ist die wahre Geschichte des Radiojournalisten Giuseppe »Peppino« Impastato, der vor einem Vierteljahrhundert auf den Eisenbahnschienen von Cìnisi bei Palermo in die Luft gesprengt wurde.

Aus dem spektakulären Fall hat Giordana einen vielschichtigen Film gemacht, der sich der Genretraditionen bedient, aber ständig über sie hinausweist. Es breitet sich erst einmal eine träge, sonnengetränkte Provinz in trügerischer Schönheit aus, deren krimineller Untergrund nur andeutungsweise sichtbar wird. Denn anstatt die Mafia zum Vorwand folkloristisch unterfütterter Gewaltorgien zu nehmen, führt Giordana vor Augen, daß die wesentliche Kunst des Genres in der großen Bandbreite an Dialogen besteht, für die er alle Register der inneren Montage zieht – und außerdem auf durchweg ausdrucksstarke Darsteller vertrauen kann. Die Gewalt versteckt sich im hierarchischen Gefüge, das auf subtile Weise auch ohne Statussymbole oder sichtbare Attribute von Macht erkennbar wird.

Giordana nutzt die Abnutzung des Kino-Mythos Mafia nach den monumentalen Epen Scorseses und dem ironischen bis klamaukigen Spiel mit Genreklischees im Kino der 90er zu einer Rückkehr ins Sizilien der Filme Francesco Rosis und Elio Petris und stellt den Bezug zu einer gleichwohl vergangenen Realität her. Die plumpe Provokation Peppinos – »die Mafia ist ein Berg aus Scheiße« – kann auch als Kampfansage an die Verflüchtigung des organisierten Verbrechens zu einem reinen Medienphänomen verstanden werden, denn niemand leugnet die Existenz der Mafia beharrlicher als die Mafia selbst. Daß Peppino Impastato Rundfunk macht, wird so schon zur Metapher des Kampfes gegen das Schweigen und bietet Giordana darüber hinaus alle Möglichkeiten, den Kampf gegen die Mafia zu einem ästhetischen auszuweiten; denn wo schon die Nennung eines Namens zum Politikum wird, kann ein Gedicht eine Waffe sein. So kämpft Peppino auch gegen »Volare«, die spießige »Mafiopoli«-Hymne, und für »A Whiter Shade of Pale«, er benutzt Dantes »Inferno« zur Verbalattacke auf die korrupten Ortshonoratioren. Das unterscheidet 100 Schritte von seinen Vorgängern: Bei allem Leid und trotz des tödlichen Ausgangs zeigt er den Kampf gegen die Mafia als einen euphorisch geführten Feldzug der witzigen Sprüche und bösen Scherze; weil er auf Psychologie verzichtet, bleibt bis zum Ende offen, ob nicht vor allem der Spaß an der Provokation Peppino Impastato angetrieben hat.

Die Kampfgeschichte als Mediengeschichte, als Kampf um Aufmerksamkeit, findet ihre ironische Zuspitzung darin, daß Peppino Impastato am gleichen Tag ermordet wurde wie Aldo Moro, so daß seine Geschichte lange in Vergessenheit geraten war, bis 1994 eine Fernsehdokumentation den Fall in ganz Italien bekanntmachte. Doch ein auch medial würdiges Begräbnis und feierliches Andenken verschafft ihm erst Giordanas Film. Und besonders Luigi Lo Cascio, der Giuseppe Impastato noch einmal verkörpert, um das Gute mit dem Schönen zu verbinden und danach die Zunge rauszustrecken: ein Held, an den wir glauben möchten. 1970-01-01 01:00

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap