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10 Dinge die ich an Dir hasse

10 Things I Hate About You. USA 1999. R: Gil Junger. B: Karen McCullah Lutz, Kirsten Smith. K: Mark Irwin. S: O. Nicholas Brown. P: Touchstone. D: Heath Ledger, Julia Stiles, Andrew Keegan u.a.
98 Min. Buena Vista ab 21.10.99

Ungeküßt

Never Been Kissed. USA 1999. R: Raja Gosnell. B: Abby Kohn, Marc Silverstein. K: Alex Nepomniaschy. S: Debra Chiate, Marcelo Sansevieri. P: Bushwood, Flower, Fox 2000. D: Drew Barrymore, David Arquette, Leelee Sobieski, Michael Vartan u.a.
107 Min. Fox ab 18.11.99

Neues für die Zielgruppe

Von Thomas Waitz Was zählt es, wenn andere Menschen vor viel bedeutsameren Herausforderungen stehen mögen: Die eigenen Probleme sind – subjektiv betrachtet – stets die größten. Josie Geller hat genau zwei davon: Erstens hat sie ihre Zeit als Außenseiterin an der High-School nie ganz verwunden, und zweitens muß sie – mittlerweile Zeitungsreporterin geworden – undercover nochmal dorthin zurück. Was eine distanzierte Sicht auf das Geschehen hätte ermöglichen können, funktioniert jedoch nicht, weil Raja Gosnells Ungeküßt gleichzeitig auch eine versöhnliche Romantic Comedy sein will. Das im Soundtrack zum Einsatz kommende »Erase and Rewind« der Cardigans steht prototypisch für den ganzen Film, dessen Grundaussage lautet:
Es gibt so etwas wie eine zweite Chance, man muß sie bloß nutzen. Fragt sich allerdings wie.

Der Erfolg von Filmen wie Ungeküßt fußt zum einen auf einer Marketingstrategie der US-Majors, die geschickt Bedürfnisse und Interessen jugendlicher Kinogänger anzusprechen weiß. Dennoch bleibt die Frage, was den (immerhin eine europäische Kinoverwertung rechtfertigenden) Erfolg US-amerikanischer High-School-Filme darüberhinaus begründet. Mit ihren Inhalten repräsentieren sie doch allesamt eine Wirklichkeit, die geprägt ist von wesenhaften Phänomenen der US-Popkultur wie dem Dating, der Promnight oder dem Kastendenken der Jugendlichen und für die es doch – vordergründig – keine Entsprechung im Alltag der Zielgruppe hierzulande gibt. Vielleicht gilt aber, daß die angebotenen Bilderwelten gar nicht in Konkurrenz zu einer wie auch immer gearteten tatsächlichen Lebenswirklichkeit stehen, sondern wiederum nur zu Abbildern derselben, etwa zum Genre der Daily Soaps. Dabei hat sich nicht nur in formalen Aspekten (wie etwa der dramaturgischen Auflösung oder der an Role Models orientierten Stoffentwicklung), sondern auch in der Art und Weise, wie die universell-menschlichen Probleme behandelt werden, längst weltweit Gleichförmigkeit eingestellt – bis hin zu den angebotenen Lösungsmöglichkeiten, die nie versuchen, das ursprünglich als einengend empfundene soziale System zu verlassen, sondern in ihm gefangen bleiben.

So auch 10 Dinge die ich an Dir hasse, der im Titel ohne Komma und mit einer Geschichte daherkommt, die sich als notdürftig zum High-School-Film verkleidete, recht freie Adaption von »Der Widerspenstigen Zähmung« herausstellt: Das Unterfangen soll vermutlich die zeitlose Aktualität und Relevanz des Shakespeareschen Dramas beweisen und produziert doch nur auf dem Niveau von Dialogen, die auf geradezu bizarre Weise an Eis am Stiel erinnern, leerende Gähne. Was jedoch den ewig gleichen, klebrigen Disney-Brei so recht verachtenswert macht, ist, daß alles auf eine unausweichliche Art auch noch gut gemeint ist, was letztlich dazu führt, daß selbst die vermeintlichen »Provokationen« harmlos geraten: Sei es die pubertäre Sprache oder auch die »aufrührerische« Rockmusik, die der »widerspenstigen« Kat (Julia Stiles) vom Soundtrack zugeschrieben wird und letztlich doch nur harmloser, angepaßter Pop ist. Was bleibt, ist eine schöne Top-3 inhaltsleerer Gemeinplätze – als da wären:

1. »Du kannst nicht allen vertrauen«, 2. »Nicht alle Erfahrungen sind gut«, und 3. »Man muß sich selbst treu bleiben«.

»A bigger world is out there! Bigger than prom!«, vermutet selbst Josie Geller gegen Ende von Ungeküßt – wenn auch, ohne aus dieser tiefen Erkenntnis die geringsten Konsequenzen zu ziehen. Was den Menschen konstitutiv von anderen Spezies unterscheidet, ist die Fähigkeit, in großem Stil und willentlich das Falsche tun zu können. Ungeküßt vollbringt das Kunststück, seine Protagonistin in großem Stil und willentlich gleich zweimal das Falsche tun zu lassen und das auch noch toll zu finden. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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