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14 Tage lebenslänglich

D 1996. R: Roland Suso Richter. B: Holger Karsten Schmidt. K: Martin Langer. S: Peter R. Adam. M: Ulrich Reuter, Christoph Schubert. D: Kai Wiesinger, Michael Mendl, Katharina Meinecke, Sylvia Leifheit, Axel Milberg, Axel Pape, Marek Wlodarczyk, Peter Fitz u.a.
110 Min. NIL Film ab 20.3.97
Von Oliver Baumgarten Konrad (Kai Wiesinger) ist ein eitler Yuppie und arroganter Anwaltsfatzke, ein Emporkömmling, der sich dadurch, daß er wegen nicht bezahlter Strafzettel, als Akt der Zivilcourage, für 14 Tage in den Knast zieht, einen gehörigen Publicity-Schub für seine Kanzlei verspricht. Mit seiner großkotzigen Art macht er sich im Knast äußerst unbeliebt, was dazu führt, daß ihm am Tag der Entassung ein halbes Pfund Kokain untergeschoben wird, welches bei einer »zufälligen« Zellendurchsuchung gefunden wird. In der daraus resultierenden, recht zweifelhaften Verhandlung bringt ihm das zwei weitere Jahre Haft ein. Während draußen sein Partner um die Revision kämpft, machen ihm seine Mithäftlinge das Leben schwer.

Wer jetzt meint zu wissen, wie der Film ausgeht, der wird sein blaues Wunder erleben. Denn das Drehbuch spielt auf raffinierte Weise mit inkonsequent gehandhabten Gepflogenheiten moralinsaurer »Hochmut kommt vor dem Fall«-Plots, in denen sich der Unsympath, kurz eingeseift, zur gutherzigen Sozialfee wandelt. Drehbuchautor Schmidt hingegen pfeift auf alle versöhnlichen Ausstiegschancen und jagt Konrad immer tiefer in ein geschickt konstruiertes Thriller-Gefüge. Die aus der Gewohnheit resultierende Erwartungshaltung beim Zuschauer bietet ihm immer wieder einfache »Nicht das schon wieder«-Lösungen an (die Revision z.B.), die das Buch aber jedes Mal ausschlägt und stattdessen weitere düstere Überraschungen serviert.

14 Tage lebenslänglich braucht sich in der Tat in der Reihe großer Knastdramen nicht zu verstecken. Regisseur Roland Suso Richter schafft durch seine Regie eine dichte und spannende Atmosphäre, die durch technische Perfektion, hervorragenden Sound und das Charisma fast der gesamten Darstellerriege komplettiert wird. Besonders eindrucksvoll ist das Kamerakonzept von Richter und Kameramann Martin Langer, das sich jeder Zeit perfekt an Tempo und Stimmung der Story orientiert und sie durch lange Fahrten, ruhige Großaufnahmen oder hektische Handkameraexzesse atmosphärisch unterstützt. Gerade am Beginn, da sich Konrad noch hilflos dem Schicksal fügt, das reichlich gnadenlos auf ihn herniedergeht, arbeitet Richter mit mehreren Kamerafahrten, die sich langsam aber zielstrebig von extremen Draufsichten auf die Spielebene hinabbewegen.

Kai Wiesinger beweist als Konrad von Seidlitz für mich zum ersten Mal durchgehend, wie gut er sein kann und vermag tatsächlich gegen Krawumm-Charismatiker Michael Mendl zu bestehen, der wie kaum ein anderer hierzulande (gibt man ihm mal eine Hauptrolle) per Ausstrahlung Großaufnahmen sprengt.

14 Tage lebenslänglich ist handwerklich in allen Belangen hervorragend gelungen und erfüllt trotz einiger Storyzweifler den Wunsch vieler nach einem anderen deutschen Kino. Bloß, Herr Richter, mal ehrlich, dieses Bild vom toten Vogel im Stacheldraht des Gefängnisses, das war nichts, oder? 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #05.
© 2012, Schnitt Online

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