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Der 200-Jahre-Mann

Bicentennial Man. USA 1999. R: Chris Columbus. B: Nicholas Kazan. K: Phil Meheux. S: Neil Travis. M: James Horner. P: Touchstone Pictures. D: Robin Williams, Embeth Davidtz, Sam Neill, Oliver Platt u.a.
132 Min. Columbia ab 2.3.00

Der 200-Minuten-Schwachsinn

Von Matthias Grimm »Ist es nicht toll, ein Mensch zu sein?« So oder so ähnlich könnte man die Botschaft von Der 200-Jahre-Mann zusammenfassen. Die Frage danach, was denn daran so toll sei, durchleuchtete SciFi-Ikone Isaac Asimov 1976 in seiner Kurzgeschichte »Bicentennial Man« – eine moderne »Pinocchio«-Interpretation, in der sich ein Robotersklave so sehr wünscht, Mensch zu sein, daß er dafür sogar den Preis der Unsterblichkeit bezahlte.

1999 nimmt sich nun Mrs. Doubtfire-Regisseur Chris Columbus dieses Themas an, besetzte die Hauptrolle flux mit seinem Lieblingsdarsteller Robin Williams, ohne zu beachten, daß der Grimassenkönig über beinahe den ganzen Film hinweg unter einer starren Maske verborgen sein sollte. Was zunächst paradox klingt, mag auf den zweiten Blick als Kunstgriff des Studios gewürdigt werden, das den exzentrischen Schauspieler auf diese Weise zur Zurückhaltung zwang. Genutzt hat es dennoch nichts. Der 200-Jahre-Mann ist Familienkino der übelsten Sorte und reiht sich somit bestens in die jüngste Filmographie von Williams ein, der mit diesem Machwerk endgültig seinen Tiefpunkt erreicht haben dürfte.

Diesmal als »robotisches Kindermädchen« erkennt Williams, daß es doch so viel mehr gibt als Bügeln und Abwaschen. Kunst und Sex, Freiheit und Liebe: Dafür lohnt es sich zu leben und letztendlich zu sterben. 200 Jahre braucht der Blechkamerad bis er – und damit der Zuschauer – die Erlösung erfährt, zum Glück auf 132 Minuten reduziert, aber selbst das ist etwa zwei Stunden zu lang. Zu lachen gibt es kaum etwas, und das, obwohl der Film Selbstironie eigentlich am bitternötigsten hat. Nein – ein Rührstück soll es ein. Zu Tränen rührt aber höchstens die Qualität.

Bicentennial Man ist richtig schlecht. Dabei kann man Columbus gar nicht mal allein die Schuld daran geben. Nein – hier hat einfach jeder Mist gebaut. Es scheint, als seien die Macher durch eine Horde Haushaltsroboter ausgetauscht worden, anders läßt sich dieses Debakel nicht erklären: Drehbuchrobot Nicholas Kazan liebt seine Torte süß und gut verrührt. Dabei folgt er genau dem »Megaperls«-Rezept für absolut reine Dialoge: jedes Statement glattgebügelt und weichgespült. Auf keinen Fall krisp oder gar – schrecklich – bißfest. Wenn es klebt und sprudelt, dann schmeckt's auch. Gesülz statt Gefühl, Heile-Welt-Romantik statt Tiefgang. James Horner läßt im Hintergrund den Feinwaschgang gluckern. Und für den Zusatz »Color« sorgt die Kamera von Phil Meheux, der sich kopfüber in kitschiger Ästhetik (Kamine!) verliert und wahrscheinlich immer noch glaubt, Meer und Brandung seien ganz tolle Metaphern für Freiheit und Grenzenlosigkeit.

Weder die großartige Leistung der Maskenbildner retten den Film aus der Bedeutungslosigkeit, noch die bemitleidenswerten Schauspieler, allen voran Sam Neill, der auch die dümmsten Textzeilen mit einer Beharrlichkeit zitiert, die ihn richtig sympathisch macht.

Insofern muß Hollywood bald wirklich um seine Arbeitsplätze bangen. Kommen digitale Schauspieler schon immer näher an ihre »analogen« Pendants heran, könnte auch im Bereich hinter der Kamera bald die Revolution der Roboter ausbrechen. Zumindest diesen Film hätten die auch hingekriegt. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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