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21 Gramm

21 Grams USA 2003. R: Alejandro González Iñárritu. B: Guillermo Arriaga Jordan. K: Rodrigo Prieto. S: Stephen Mirrione. M: Gustavo Santaolalla. P: This Is That, Y Prods. D: Sean Penn, Benicio Del Toro, Naomi Watts, Charlotte Gainsbourg u.a.
125 Min. Constantin ab 26.2.04

Was wiegt ein Schicksal?

Von Melanie Balz Vier Jahre nach seinem Erfolgsfilm Amores Perros gab Alejandro González Iñárritu nun mit 21 Gramm sein englischsprachiges Filmdebüt. Dabei schuf er ein raffiniert verwobenes und innovativ erzähltes Drama um Tod, Schuld, die Ungerechtigkeit des Lebens, Liebe, Betrug und nicht zuletzt Rache.

Wieder hat Guillermo Arriaga das Drehbuch verfaßt, und wieder ist ein Autounfall Dreh- und Angelpunkt der Erzählungen; durch ihn werden Leben und Schicksale der drei Hauptpersonen unwiderruflich miteinander verbunden. 21 Gramm zeigt den Ex-Alkoholiker und -Sträfling Jack, der versucht, mit seinem Glauben an Gott ein neues Leben zu beginnen, und dem abermals der Boden unter den Füßen weggerissen wird; die Ehefrau und Mutter Christina, die ihre Familie auf dramatische Weise verliert, und den Mathematikprofessor Paul, der schwerkrank auf ein Spenderherz wartet.

Zu Beginn des Films wechseln die Szenen in schneller Abfolge, was eine gewisse Ähnlichkeit mit Tarantinos Pulp Fiction aufweist. Nach und nach werden parallel drei voneinander unabhängige Handlungsstränge entwickelt, die einen Zeitraum von mehreren Monaten widerspiegeln. Dabei haben Iñárritu und Arriga die sonst vorherrschende gradlinige, meist chronologisch angeordnete Erzählstruktur des gewohnten Hollywood-Kinos vollständig aufgehoben. Der Unfall ist dabei der zeitliche Knotenpunkt, um den sich alles rankt. Durcheinander werden Szenen aus dem Jetzt und der Vergangenheit gezeigt. So entsteht ein Puzzle, das sich erst nach und nach zusammensetzen läßt. Willkürlich ist dabei nichts. Alle Szenen, erscheinen sie auch noch so deplaziert, ergeben im späteren Verlauf einen Sinn.

Um die Verbindung der Einzelszenarien eines jeden Handlungsstranges nicht zu verlieren, spannt sich durch den Einsatz von Farben ein Bogen, der das Zusammenfügen der Teilstücke erleichtert. So ist Jacks Welt leicht rot-gelb eingefärbt, die Szenen aus Pauls Leben sind mit einem bläulichen Schleier überzogen. In Christinas Leben ist die Leinwand abwechselnd in ein Rot-Gelb und das Blau aus Pauls Welt getaucht, je nachdem, ob der Unfall und seine Folgen oder die Zukunft in dem Moment das Thema sind. Durch subtil eingesetzte unterschiedliche Auflösungen und Körnungen des Bildmaterials werden die wechselnden Stimmungen und Gefühlslagen der Protagonisten in bestimmten Phasen ihres Lebens untermalt und verdeutlicht. Entwickeln sich die Dinge ungünstig oder problematisch, so wird eine grobkörnige Auflösung gewählt. Fühlt sich die jeweilige Person besser, so ist die Körnung feiner.

Iñárritu hat mit 21 Gramm einen großartigen Film geschaffen. Sehr überzeugend sind auch die schauspielerischen Leistungen der drei Hauptakteure. Die Darsteller haben sich vollständig mit ihren Rollen identifiziert. Jede ihrer Gefühlsregungen ist nachfühlbar, und ihre Verzweiflung wirkt, als würden sie diese Situationen gerade wirklich durchleben. Vor allem Naomi Watts verändert sich glaubwürdig von der liebenden Mutter und Ehefrau zu einem seelischen Wrack, das ohne den Konsum von Drogen nicht mehr weiterleben möchte.

Es ist ein düsterer, depressiver Film über das Leben und den Tod. Ein wild mit den Flügeln schlagender, schwarzer Vogel als Sinnbild des Todes fliegt durch das Bild. In der Windschutzscheibe des Todesfahrers baumelt ein Kreuz. Das grünliche Gesicht von Naomi Watts blickt aus dem Fenster; die Kamera gibt keine Aussicht frei, die pure Hoffnungslosigkeit macht sich breit. Unsanft wird einem vor Augen geführt, wie weit manchmal das Erhoffte von der unbarmherzigen Realität entfernt liegt.

Egal, ob du den Tod fürchtest oder nicht, er kommt, und das ist der Moment, in dem der Körper um 21 Gramm leichter wird als zuvor. Ist es die entweichende Seele eines Menschen, die 21 Gramm wiegt? Sind 21 Gramm das Gewicht eines Schicksals? 1970-01-01 01:00

Abdruck

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