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28 Days Later

GB/USA 2002. R: Danny Boyle. B: Alex Garland. K: Anthony Dod Mantle. S: Chris Gill. M: John Murphy. P: DNA Films. D: Cillian Murphy, Noah Huntley, Naomie Harris, Brendan Gleeson, Christopher Eccleston u.a.
112 Min. Fox ab 5.6.03

Lebe lieber ungewöhnlich

Von Nikolaj Nikitin Nein, dies ist nicht die Fortsetzung des Alkoholiker-Dramas mit Sandra Bullock, sondern eher die xte Folge von Night of the Living Dead. Interessant bei dieser Low-Budget-Zombie-Geschichte, die durchaus in den Genrekonventionen zu überzeugen weiß, ist der Name des Regisseurs: Danny Boyle.

Einst schrieb er Kinogeschichte als europäischer Kultregisseur – sein Kinodebüt Shallow Grave begeisterte die Cineasten und reüssierte an der Kasse, während Trainspotting ihn zum absoluten Liebling der Kritiker und der Massen machte. Doch Ruhm ist vergänglich, und mit The Beach stürzte er so tief, wie er mit Trainspotting aufgestiegen war. Sein interessanter und amüsantester Film A Life Less Ordinary wird bei solchen Debatten leider immer unter den Teppich gekehrt.

28 Days Later kann im ersten Schritt einfach als Versuch gelesen werden, nach dem Big-Budget-Konzeptfilm The Beach – mit Leonardo DiCaprio – nun etwas absolut Kleines, Schmuddeliges und Ekliges zu machen, wofür er sich das als »billig« bekannte Zombie-Genre ausgesucht und bis auf einige Ausnahmen alles auf Video gedreht hat.

Doch dieser Film ist mehr als bloß eine Zombie-Neuauflage. Im Gegensatz zu den Klassikern eines Romero, in denen sich die Zombies doch stets sehr langsam und behäbig bewegen, sind sie bei Boyle recht flink, was der Videoästhetik und dem Tempo des Schnitts sehr zugute kommt (im eigentlichen Sinne handelt es sich bei Boyle auch nicht um Zombies, sondern um von einem Virus infizierte Menschen, die zu Monstern mutieren, dann allerdings, und das haben sie mit den Untoten gemein, weitere Menschen infizieren wollen).

Eindrucksvoll sind vor allem die ersten Sequenzen, wenn einer der wenigen Überlebenden (durch einen Krankenhausaufenthalt entging er der Ansteckung) des Ausbruchs der Epidemie durch das menschenleere London geistert. Schnell findet er andere Überlebende, und zusammen begibt man sich auf die Suche nach weiteren Verbündeten (wobei sich noch lebende Menschen teilweise fieser verhalten als die mutierten Monster). Genreunüblich ist auch die Tatsache, daß die Schauspieler durch die Bank überzeugen und auch das Skript bei näherer Betrachtung als handlungslogisch erscheint.

Mein Rat wäre es vor allem, sich diesen Film im Kino anzuschauen, denn die Videoregale sind von ähnlichen, aber kaum vergleichbaren Werken gefüllt.


P.S.: Eine Verbindung zu Leo gibt es dann doch. Einen »gewichtigen« Part übernimmt Brendan Gleeson, der mit Leo ja auch in Gangs of New York zu sehen ist. Und die Verbindung zu The Beach: 28 Days Later-Drehbuchautor Alex Garland hat die Vorlage zu »The Beach« verfaßt.

P.P.S.: Als ich Boyle bei einer Promotion-Tour in Tromsø traf und ihn abends nach seinen weiteren Plänen fragte, erfuhr ich nicht nur, daß er die Fortsetzung von Trainspotting plant, sondern daß sein nächstes Ziel der Tour Frankreich sein wird. Den Filmgeschmack unserer Nachbarn kennend, erkundigte ich mich bei ihm, ob nicht solch ein gelungener Autorenfilm der anderen Art bei jenen wenig Anklang finden würde. »Ach was«, erwiderte Boyle, »den Franzosen wird es doch eine wahre Freude sein zu sehen, wie die Insel ausgelöscht wird.« 1970-01-01 01:00

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