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2 Tage Paris

Deux jours à Paris. F 2007. R,B,S,M: Julie Delpy. K: Lubomir Bakchev. P: Polaris Film Production and Finance, 3L Filmproduktion, Tempête Sous un Crâne. D: Julie Delpy, Adam Goldberg, Marie Pillet, Albert Delpy, Daniel Brühl u.a.
96 Min. 3L ab 17.5.07

Die Stadtneurotikerin

Von Carsten Happe 2 Tage Paris – das klingt zunächst nach Butterfahrt für den unausgeschlafenen Bustouristen, nach Französisch für Anfänger, Sightseeing im Minutentakt, die romantischste Stadt der Welt als Fast-Food-Attraktion. Erst kürzlich wurden die Arrondissements der Metropole in Paris, je t'aime bereits cineastisch abgefeiert – mit bekannt gemischtem Resultat. Julie Delpys Erstling begibt sich allerdings nicht in Konkurrenz zu jenem Omnibusfilm, die Stadt ist hier auch vielerorts nur Staffage – 2 Tage Paris ist vielmehr der sarkastische Bruder der Before Sunrise / Before Sunset-Geschwister.

Kaum eine Rezension zu diesem Film wird es sich nehmen lassen, Woody Allen als Referenz zu erwähnen – die Parallelen sind zu offensichtlich, der hektische Wortwitz entspringt der gleichen Quelle. So wenig wie 2 Tage Paris eine vordergründige Liebeserklärung an die Stadt sein will, so deutlich ist doch die Verwurzelung von Julie Delpy und der von ihr verkörperten Marion – deren Unterscheidung wie bei Allens Film-Alter egos eine zu Spekulationen Anlaß gebende Gratwanderung ist – mit dieser Stadt, kurzum: Auch wenn die inszenatorische Grandezza ausbleibt – man fühlt sich direkt an die weihevollen Anfangsminuten von Woody Allens Manhattan erinnert. Paris ist ihre Stadt und würde es immer bleiben.

Damit ist der Grundkonflikt von 2 Tage Paris gleich ausgebreitet, denn in Julies/Marions Schlepptau befindet sich ihr amerikanischer Boyfriend Jack, den Adam Goldberg als genau jenen kulturbanausigen Straight Shooter spielt, vor dem uns unser kulturbeflissener alteuropäischer Anti-Amerikanismus seit George Dabbeljus Amtseinführung gewarnt hat. Die Sorte Amerikaner also, die auch Woody Allen eher an der Westküste vermutet, von den »red states« im Mittleren Westen wollen wir gar nicht erst reden.

Einen solchen Ignoranten seinen Eltern vorzustellen, kann selbst inneramerikanisch eine peinliche Nummer werden, als atlantikübergreifender Kulturschock ist es eine todsicher urkomische Begegnung. Wenngleich die Fettnäpfchen eher auf französischer Seite ausgeschüttet werden – die Vermischung von Privatperson und Rolle wird durch die Besetzung von Delpys Eltern als Marions Filmeltern geradezu potenziert – ein tendenziöses Amerika-Bashing stünde dem Film auch nicht gut zu Gesicht. Stattdessen sind die Neurosen der Protagonisten hübsch verteilt, der Sex im ehemaligen Mädchenzimmer geht schon mal gar nicht, und Terrorparanoia kennt der Franzose ebenso. Letztlich – vielleicht ist dies die Botschaft des Films, der sich eigentlich einen Dreck um so etwas wie eine Botschaft schert – liegen gar keine Welten zwischen der Alten und der Neuen, höchstens eine Armada von Ex-Lovern, die plötzlich und ungefragt wieder ins Leben treten und die fragilen Beziehungen empfindlich stören, aber das transatlantische Bündnis ist allemal robuster als das neuerliche Werben von Jean-Luc. Oder Marcel. Oder François.

Wenn Frankreich- und Amerikaklischees so genüßlich ausgebreitet werden, darf der notorische Deutsche kaum fehlen, und doch ist es mehr als befremdlich, wenn Daniel Brühl gegen Ende kurz auftaucht, als ihn niemand mehr erwartet und ihn keiner braucht, als sei er aus einer anderen Welt in diesen Film gefallen – glücklicherweise entschwindet er alsbald wieder dorthin, bevor Julie ihr Happy End an der Seine zelebriert. Soviel kalkulierte Romantic Comedy leistet sich 2 Tage Paris dann doch, selbst wenn er die meiste Zeit den Charme des Improvisierten, Unfertigen mit sich trägt. Nicht minder Mademoiselle Delpys Premierenauftritt im Berliner Zoo-Palast, der ebenso rührend derangiert daherkam wie ihre Filmfigur Marion und einmal mehr die Frage aufwarf, ob sie in 2 Tage Paris überhaupt spiele oder letztlich einen Blick auf die wahre Julie Delpy erlaube. Oder ob sie die Kunstfigur, die sie für diesen Film entwickelt hat, in die Realität verlängerte, um die Illusion eines pseudo-authentischen Home Videos aufrechtzuerhalten. Womit wir wieder bei Woody Allen wären, dessen Rollen zeitlebens mit seiner Person verwechselt wurden. Doch egal, ob die Kunst das Leben imitiert oder das Leben die Kunst, entscheidend ist, daß es inspiriert. Und sei es nur zu einer federleichten, weitgehend geistreichen Komödie im Bedeutsamkeitswettbewerb der Berlinale-Sektionen – und nicht nur dort – ist dies eine erfrischende Alternative. 1970-01-01 01:00

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