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300

USA 2007. R,B: Zack Snyder. B: Kurt Johnstad, Michael Gordon. K: Larry Fong. S: William Hoy. M: Tyler Bates. P: A Canton, Nunnari, 300 Films. D: Gerard Butler, Lena Headey, Dominic West, David Wenham, Vincent Regan u.a.
117 Min. Warner ab 5.4.07

Heulen beim Heldentod

Von Daniel Bickermann Frank Millers Comic 300 ist ein zutiefst gestörtes und verstörendes Werk: der ungebremste Kleinjungenchauvinismus mag nach Sin City vielleicht nicht mehr überraschen, aber der triefende Blutdurst und die grenzfaschistoiden Tendenzen des Altmeisters geben dann doch Anlaß zum Stirnrunzeln. Angesichts der Tatsache, daß das Buch zudem auf nicht mal 90 überformatigen Seiten keinerlei Handlung bietet, sondern sich auf möglichst überwältigende Massentötungsdarstellungen konzentriert, überrascht die schnelle Verfilmung des Stoffes umso mehr, gerade in dieser Zeit amerikanischer Kriegsmüdigkeit.

Beim Anblick des Endprodukts stellt man nun erstaunt fest, daß Zack Snyder mit seinem Versuch, all diese vermeintlichen Mängel der Vorlage durch massive Drehbuchergänzungen und ästhetische Nivellierung der konfrontativen Pathosausbrüche zu beheben, der Geschichte einen Bärendienst erwiesen hat. Die neugefundene Frauenfreundlichkeit und die hinzugefügte politische Dimension schaden dem Film sogar beträchtlich. War die Vorlage noch kontrovers in ihrer Kompromißlosigkeit, realistisch in ihrer Soziologie und moralischphilosophisch zumindest bemerkenswert in ihrer anachronistischen Rücksichtslosigkeit, so untergräbt die Verfilmung mit ihrer Relativierung und versuchten Rechtfertigung nicht nur den Reiz des Radikalen, sondern widerspricht auch dem eigentlichen Zweck des Vorhabens: Ein moralischer Tabubruch wie der Mord an einem Boten ist nur halb so effektiv, wenn er langwierig angekündigt wird; und der blutige Untergang des martialischen Männerhelden ist komplett zerstört, wenn man dessen Voice-Over, in dem er den eigenen Tod kalt analysiert und gutheißt, mit einer weibischen Pathosklatsche aus heulender Streichermusik und stilisierten Vor- und Rückblenden im Gladiator-Stil durchsetzt (mitsamt letzten Worten an die geliebte Gattin). Letztlich wird beim blutigen Exitus des Opferhelden sogar weggeblendet, als wäre er Hitler oder Butch Cassidy oder sonst eine Sagenfigur, der man den echten Leinwandtod nicht zumuten will.

Überhaupt erweisen sich die Worte der Helden als zu schwierig und zu schwerwiegend für die Filmemacher. Wenn Snyders Inszenierung bei Sätzen über Wasser und Erde des Landes in eine absurde Marlboro-Ästhetik abrutscht und der Regisseur dann auch noch ernsthafte Anstalten macht, das Heraufbeschwören der spartanischen Nationalidentität als »Funken von Vernunft und Gerechtigkeit« in einer ansonsten barbarischen Welt ernst zu nehmen oder gar zu untermauern, merkt man erst, wie erstaunlich kühl, präzise und vieldeutig – ja, wie spartanisch – Millers Vorlage mit seiner Nostalgie nach einem gerechten Krieg eigentlich umgegangen ist. Genauso verhält es sich mit der Darstellung der heimischen Philosophen und Politiker, für die (und vielleicht gegen deren Willen) diese rücksichtslose Kriegerkaste in die Vernichtungschlacht gegen die asiatischen Horden zieht: Aus Miller konsequenter Soldatenperspektive blieben sie ein unbekanntes, idealistisches Versprechen – der perfekte Krieger kämpft, um den von ihm verspotteten, aber auch vergötterten Denker zu beschützen. Snyders Drehbuch nun räumt der heimischen Kultur mehr Platz ein und desavouiert so die hellenischen Hintermänner als korrupte und krude Gesellen. Aber ein perfekter Krieger, der für korrupte Denker kämpft, ist entweder Dummkopf oder Faschist.

In seiner narrativen Konzeption scheitert der Film also an der Furcht vor der eigenen Courage, trotzdem bietet er betörend schönes Bildmaterial – nur eben auf einer synchronen statt auf einer diachronen Ästhetikebene. Beispielsweise sind Lichtstimmungen zu bewundern, die es in solcher Pracht bei einem reinen Greenscreen-Film bisher noch nicht gab – die digitale Produktionsweise findet hier faszinierende neue Atmosphären jenseits aller bekannten, analogen Stilmittel. Auch wenn manche Bildeffekte schamlos zusammengeklaut sind (wie üblich aus den Bereichen des Musikvideos und der Kunstinstallation, namentlich von Chris Cunningham) und auch wenn der Einsatz ständiger Zeitlupenrampen auf Dauer ein wenig durchsichtig ist, so ist Kameramann Larry Fong doch derjenige, der hier noch am ehesten weiß, was er tut und wie er seine Mittel zielgerichtet einsetzt. Editor William Hoy dagegen leistet sich im Eifer des dargestellten Gefechts gerne mal an paar Verhackstückungen zuviel, während die Musik von Tyler Bates arg orientierungslos durch die Genres und Gefühle stampft und dabei, wie angesprochen, oft größeren Schaden anrichtet. Ein durchwachsener Leichenschmaus also, und vielleicht hätte man nicht gar soviel Aufhebens darum machen sollen. Vielleicht hätte es genügt, wenn ein Wanderer uns verkündigt hätte, daß er sie dort liegen sah, wie es das Gesetz befahl. 1970-01-01 01:00

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