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40 Tage und 40 Nächte

40 Days and 40 Nights. USA 2002. R: Michael Lehmann. B: Robert Perez. K: Elliott Davis. S: Nicolas C. Smith. M: Rolfe Kent. P: Universal, Miramax, StudioCanal, Working Title. D: Josh Hartnett, Shannyn Sossamon, Vinessa Shaw, Paulo Costanzo u.a.
94 Min. UIP ab 30.5.02

American Way of Sex

Von Matthias Grimm Da saß ich also wieder. Dieselbe schäbige Kneipe, dieselben leeren Gedanken tagein tagaus. Derselbe schäbige Whiskey. Doch halt, das war kein Whiskey. Nur eine Cola Light. Ich war nicht Bogart, noch nicht volljährig. Ich bin Josh Hartnett.

Doch wir alle sind Männer, und Männer haben immer dieselben Probleme, nur daß sie uns immer so vorkommen, als wären wir die ersten auf der Welt, die sich mit ihnen konfrontiert sehen. Frauen. Sie reißen einem das Herz raus, und statt daß wir lernen, wie die Wunde zu heilen ist, verlernen wir den Schmerz zu beachten, bis wir feststellen, daß wir auch alles andere verlernt haben. Am anderen Ende der Theke sitzt ein Typ wie ein Bär. Ich stelle mir vor, wenn das dein Neuer wär'… Da sieht man es. Nicht mal Chandler, nur für Matthias Reim hat es gereicht. Aber was soll ich machen? Jemand hat mein Leben gestohlen, und bevor ich den Dieb anzeigen konnte, war es schon das Klo runtergespült. Ich hätte es machen können wie Ewan McGregor in Trainspotting, einfach hinterher. Aber der hat ja auch die Macht. Ich nur Kate Beckinsale. Also sitze ich hier und nehme einen Zug von meiner Zigarette. Ich bin nicht volljährig, sagen Sie? Drauf geschissen. Wir sind in Amerika. Und das ist das Problem. Amerika hat Kultur. Amerika hat Ideologie. Und Amerika tut so, als wäre das in Ordnung. Was mein Problem ist, fragen Sie? Die Frauen, das hab' ich schon erklärt. Meine Lösung? Das ist mein Leben, und mein Leben ist Film. Es gibt nur eine Lösung, zumindest in Amerika, und Amerika ist auch nur Film. Die Lösung ist Sex. Und weil Sex gleich Frauen ist, und Frauen mein Problem sind, entsage ich dem Sex. 40 Tage, 40 Nächte. So einfach ist das. Wir sind nämlich in Amerika, und Amerikas Ideologie ist Sex. Nicht so wie in Deutschland. Deutschland hatte mal eine Ideologie, aber die haben wir ihnen verboten. Jetzt verkaufen wir ihnen eine neue, und die ist… aber das wissen Sie bereits.

Zurück also zum Sex (und ich versichere Ihnen, in diesem Film geht es um nichts anderes): Amerika (und um Mißverständnissen vorzubeugen, ich meine damit die USA, aber das haben Sie sich mit Sicherheit gedacht), also: Amerika macht die Frauen geil. Ja, das ist so bei uns, das wird ihnen in die Wiege gelegt. Pavlovisierung heißt das bei Aldous Huxley. Schauen Sie doch mal Sex and the City, das läuft bei uns auf dem Discovery Channel als Dokumentation. Das ganze Geheimnis ist: Frauen wollen es, immer und jederzeit, aber Männer brauchen es. Ihn. Sex. Und in Amerika kriegen sie ihn auch. Sie. Frauen. Kann sich das einer vorstellen, wie anstrengend das ist? Immer und jederzeit. Ihn. Sie. Es. Wie auch immer. Schluß damit. Ich entsage! Seitdem wollen noch mehr Frauen. Ihn. Es. Mich. Mein Leben ist ein einziger feuchter Traum. Der amerikanische Traum. Der feuchte amerikanische Traum. Das ist mein Leben. Mein Leben ist Film, mein Leben ist Traum, und Amerika die Fabrik dazu. Die Traumfabrik. Ab und zu, und bei diesem Gedanken überkommt mich erneut Melancholie, habe ich unverhofft einen stehen. Dann laufe ich rum, als hätte ich in die Hose geschissen. Aber ich will mich nicht beklagen. Das machen echte Männer nicht. Aua, jetzt hab ich den Rauch meiner Zigarette ins Auge gekriegt, sowas Blödes aber auch… Zurück zum Thema: Sex. Sex ist Macht. Der Trick an der ganzen Sache ist also, solange ihn jeder so viel und so häufig hat wie nur möglich, erhält er resp. sie den Gegenwert an Macht. Einfache Rechnung, hat John Nash auch gesagt, aber das ist ein anderer schlechter Film.

Problematisch wird die Rechnerei, wenn die eine simple Formel mit einer anderen in Konflikt gerät, die irgendetwas mit Liebe, Selbstachtung und inneren Werten zu tun haben soll, und übel wird es, wenn schlechte Filme versuchen, diese beiden in ein ideologisches Gesamtkonzept einzufügen, das sich vor Paradoxien nicht mehr retten kann. Während ich an meinem Whiskey schnuppere (trinken darf ich ihn ja nicht), bemerke ich, wie vor mir im Wagen ein junges Mädchen fährt. Sie fährt allein, und sie scheint hübsch zu sein. Ich weiß nicht ihren Namen, und ich kenne nicht ihr Ziel, ich weiß nur, daß sie mit viel Gefühl tut, was sie eben tun muß. Ich möchte noch nicht enden, ohne etwas über mein Leben zu erzählen: Mein Leben ist bestimmt von einem natürlichen Trieb, und Amerika – Gott, ich danke Amerika dafür! – hat diesen Trieb zu einer Mischung aus Ideologie und Lebensgefühl werden lassen, das mit Wirklichkeit nichts zu tun hat, aber auch nicht haben muß, weil es ja nur Traum ist. Zumindest ist dieses Gefühl, dieser Trieb (aber im weiteren Sinne ist das ja das selbe), mit einem moralischen Wert codiert, der seiner Negierung entspricht: der Enthaltsamkeit. Ideologie und Moral können nur durch zwei Möglichkeiten in Übereinstimmung gebracht werden: Sie entsprechen einander a priori. Oder sie werden, trotz ihrer offensichtlichen Widersprüchlichkeit, miteinander verrührt, bis sie nicht mehr unterschieden werden können und eins sind. Das entspricht einer deutschen Ideologie, die man verboten hat. Ich verabscheue mein Leben. Mein Leben ist dieser Film. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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