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7 Jungfrauen

7 Vírgenes. E 2005. R: Alberto Rodríguez. B: Alberto Rodríguez, Rafael Cobos López. K: Alex Catalán. S: J. Manuel G. Moyano. M: Julio de la Rosa. P: Tesela, P. C., La Zanfona Producciones. D: Juan José Ballesta, Jesús Carroza, Alba Rofríguez u.a.
86 Min. KOOL ab 9.11.06

Gefühlsnotstand

Von Sebastian Gosmann Es ist ein von schier unerträglichem Machismo geprägtes Milieu, in dem der 16jährige Jugendknast-Freigänger Tano und sein bester Freund Richi sich behaupten müssen, in dem eine innige Umarmung unter Männern abrupt abgebrochen werden muß, da ansonsten womöglich ihre Heterosexualität neu verhandelt werden müßte. Die ihnen verbleibenden 48 Stunden wollen die beiden smarten Jungs in vollen Zügen genießen. Übermütig streifen sie durch die Straßen, stibitzen Brieftaschen und konsumieren Drogen: Alkohol und Ecstasy in der Disco, zwischendurch einen Joint, und Speed beim Sex mit der Freundin. Ansonsten blödelt und rauft man sich durch den Tag: Die Wortwechsel bleiben oberflächlich. Denn auch vor dem besten Freund gilt es stets, das Gesicht zu wahren.

Das eigene Seelenleben läßt man unterdessen lieber unangetastet. Sämtliche Hauptfiguren erlauben sich nicht, ihr Innerstes zu offenbaren. So gibt etwa die süße Patri dem verdutzten Tano den Laufpaß, ohne imstande zu sein, eine Begründung für ihre Entscheidung zu formulieren, derweil Richi sichtlich an der Tatsache zu knabbern hat, daß seine lethargische Mutter nur noch qualmend vor der Glotze hockt. Ungeduldig rutscht man im Kinosessel hin und her und hofft, daß der Knoten endlich platzen möge und Tacheles geredet werde. Doch das geschieht nicht.

Diese emotionale Armut ist das eigentlich Grausame, von dem Alberto Rodríguez in 7 Jungfrauen erzählt; die in den Protagonisten sich beständig auftürmende seelische Last wiegt viel schwerer als die alltägliche Gewalt, welche die Perspektivlosigkeit und die soziale Kälte im Barrio fortwährend produzieren. Sie sind gefangen im eigenen Leben, Opfer ihrer Herkunft.

Den beiden Nachwuchskräften Juan José Ballesta und Jesús Carroza gelingt es fabelhaft, in ihren Figuren gleich drei gegensätzliche Charakterzüge zu vereinen: den gewalttätigen Schuft, den grünschnabligen Lausbuben sowie den fürsorglichen Enkel. Und genau diese Mischung macht es dem Zuschauer verflucht schwer, Position zu beziehen, die tragischen Helden entweder vollends ins Herz zu schließen, oder aber für ihre Taten zu verurteilen. Ähnlich wie noch vor kurzem Detlev Buck oder bereits vor gut zehn Jahren Mathieu Kassovitz, ist auch Rodríguez ein eigenwilliger, exemplarischer Blick in eines der vergessenen Viertel westeuropäischer Vorstädte gelungen. Und wenn dann der Kleinste kampfeslustig zuallererst ins Auto hüpft, um beim Rachefeldzug gegen eine befeindete Gang kräftig mitzumischen, wähnt man sich kurzzeitig gar in der Cidade de deus, obgleich es in den Barrios der andalusischen Metropole Sevilla dann doch nicht ganz so brutal zuzugehen scheint, wie in den Favelas vor den Toren Rio de Janeiros. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #44.
© 2012, Schnitt Online

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