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9 Songs

GB 2004. R,S: Michael Winterbottom. K: Marcel Zyskind. S: Mat Whitecross. M: Michael Nyman u.a. P: Revolution Films. D: Kieran O'Brien, Margo Stilley u.a.
69 Min. Stardust ab 20.1.05

Sex, Eis und Livemusik

Von Frank Brenner In This World zeichnete sich durch einen schonungs- und bedingungslosen Realismus aus, der die Qualen einer illegalen Flucht fast physisch spürbar werden ließ. Michael Winterbottom konnte mit seinem hautnahen Erzählstil 2002 die Jury der Internationalen Filmfestspiele in Berlin begeistern und für seinen Film einen Goldenen Bären entgegennehmen. Bei 9 Songs, seinem erstaunlich kurzen neuen Film, ist sich Winterbottom seinem radikalen Realitätsverständnis treu geblieben und hat eine kontroverse Mischung aus Sex, Drugs, Rock'n'Roll und Liebesgeschichte abgedreht.

Matt ist Polarforscher, der in seinem Heimatland Großbritannien die amerikanische Studentin Lisa kennenlernt. Die beiden teilen den gleichen Musikgeschmack, gehen gemeinsam zu Konzerten und haben davor und danach ein ausgefülltes Sexualleben, dessen Zukunft lediglich durch die Tatsache getrübt ist, daß Lisa in absehbarer Zeit in die USA zurückkehren wird.

Zwei sich liebende Menschen, neun Lieder und ein paar beeindruckende Aufnahmen von endlosen Eislandschaften genügen Winterbottom als Komponenten für seinen Film. Was er uns da präsentiert, ist ganz seiner realistischen Tradition verpflichtet, d.h. Sexszenen zwischen den Protagonisten sehen nicht nur oberflächlich so aus, Sexszenen zwischen den Protagonisten sind hier echter, unverblümter Sex. Das überschreitet mehrfach die Grenze zur Pornographie, wird von Winterbottom aber insofern zu rechtfertigen versucht, indem er sie als dramaturgisch notwendig und als Verbildlichung der tatsächlichen Zuneigung zwischen seinen beiden Darstellern gedeutet haben möchte. Wir bekommen den Sex zwischen Mann und Frau in all seinen verschiedenen Facetten präsentiert, mal gibt es den Cunnilingus, mal den Blow Job, mal die Sado-Maso-Spielchen, mal das Experimentieren mit einer dritten Person.

Man wird dabei das Gefühl nicht los, daß uns der Regisseur immer wieder eine neue Spielart des Sex zwischen seinen mitgefilmten Liveauftritten von Gruppen wie den Dandy Warhols oder Franz Ferdinand präsentieren möchte, daß sich sein Einfallsreichtum aber im Durchdeklinieren des Bestsellers »Joy of Sex« erschöpft. Dem Kameramann Michael Zyskind kann man durchaus attestieren, daß ihm die optische Auflösung des letztendlich Immergleichen einigermaßen zufriedenstellend gelingt. Eine wirkliche Brücke zwischen den drei Handlungsebenen Sex, Eislandschaften und Musik herzustellen, schafft Winterbotttom indes in keinem Augenblick. Langeweile macht sich beim Zuschauer breit, und das ist bei einem derart kurzen Film sicherlich kein gutes Zeichen. Die Provokation gelingt kaum, auch wenn man Ejakulationen, Penetrationen und Masturbationen in Kinofilmen auch heutzutage noch relativ selten zu sehen bekommt. Ein aufgeblasenes Kunstprodukt, das so viel zu sein behauptet und so wenig wirklich ist. 1970-01-01 01:00

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