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All or Nothing

GB/F 2002. R,B: Mike Leigh. K: Dick Pope. S: Lesley Walker. M: Andrew Dickson. P: Cloud Nine, Les Films Alain Sarde, Studio Canal, Thin Man Films. D: Timothy Spall, Lesley Manville, Alison Garland, James Corden u.a.
128 Min. Tobis ab 16.1.03

Wunschlos unglücklich

Von Jutta Klocke Wie einfach wäre es, das Schicksal als Sündenbock für all die verpaßten Chancen zu mißbrauchen. Der Titel von Mike Leighs jüngstem Werk verweigert einen solchen Selbstbetrug aber gleich von vornherein. Alles oder nichts, ganz oder gar nicht: Nur diese beiden Möglichkeiten sind gegeben, und es obliegt jedem Einzelnen, als eigenverantwortliches Individuum zwischen ihnen zu wählen. Für Phil Bassett stellt sich eine solche Entscheidung schon lange nicht mehr. Mit seinem Taxi bringt er nur die Anderen ihrem Ziel näher, er selbst ist unterwegs irgendwie auf der Strecke geblieben.

Nur allzu verständlich, könnte man meinen, ließe man sich durch Leighs sorgfältige Milieustudie einer Arbeitersiedlung dazu verleiten, den sozialen Umständen die alleinige Schuld für Phils Situation zu geben. Das Geld ist knapp, der Job nicht gerade eine Erfüllung, die Angst vor Arbeitslosigkeit allgegenwärtig. Wie sollte man seine Träume auch nicht aus den Augen verlieren, wenn man erst einmal in einem dieser heruntergekommenen Wohnbunker angekommen ist, die in britischen Filmen gern als architektonischer Inbegriff des trostlosen Arbeiterlebens verwendet werden? Doch geht es Leigh weniger darum, soziale Mißstände anzuprangern oder sie gar als Ursprung der Mühsal seiner Helden zu etikettieren. Im Grunde dreht sich All or Nothing um nichts Spektakuläreres als die kleinste mögliche Lebensgemeinschaft, die Familie. In ihrem Zerbrechen liegen die Leiden, in ihrem Zusammenhalt aber begründet sich eben auch die Heilung des Einzelnen.

Leigh und seinem Darstellerensemble gelingt es, dieses Prinzip authentisch und unter Verzicht auf melodramatische Ausschweifungen vorzuführen. Die Isolation und die Sehnsucht danach, aus ihr ausbrechen zu können, wird in den alltäglichsten Momenten wie dem – zumindest äußerlich – gemeinsamen Abendessen spürbar. Mit dem Versagen der Sprache als Mittel der Kommunikation hat sich jeder auf seine eigene Weise arrangiert. Phil redet viel, dringt aber nicht zu den anderen durch. Seine Frau Penny hat schon lange aufgegeben, sich wirklich mit ihm auszutauschen. Der Sohn verweigert sich gänzlich, indem er während des Essens fernsieht und der Familie im wahrsten Sinne des Wortes den Rücken zukehrt. Mittendrin die Tochter, die wie Phil das Inseldasein aufheben möchte, aber auch nicht wirklich weiß wie.

Die Sprache bzw. die Sprachlosigkeit seiner Figuren nutzt Leigh als zentrales Darstellungsmittel ihrer Beziehungen zueinander. Dabei liegt das Gewicht weniger auf den Worten, die gesagt werden. Vielmehr sind es die Situationen, in denen ein echter Dialog entsteht, die die Figuren wieder zueinanderführen. Am deutlichsten wird das während der Aussprache zwischen Phil und Penny. Aber auch vorher schon zeigt sich mehrmals die heilsame Wirkung des sprachlichen Brückenschlags. Die schwangere Tochter der Nachbarin glaubt sich in einer ausweglosen Situation, bis sie das unerwartete Verständnis der Mutter erfährt. Phil öffnet sich Penny gegenüber bezeichnenderweise nach einem Gespräch mit einem Fahrgast, der seiner Person ein ernstgemeintes Interesse entgegenbringt.

Leighs Methode der improvisierenden Vorbereitung, welche die Schauspieler in die Entwicklung ihrer Charaktere miteinbezieht, hat sich bewährt. Bei einem Film, der ohne viel Handlung auskommen will und sich stattdessen auf die emotionalen Befindlichkeiten seiner Figuren konzentriert, kann man sich über die Wahl der Darsteller nur glücklich schätzen. Einzig der Score von Andrew Dickson läßt daran zweifeln, daß der Regisseur seinem Ensemble die Ausdruckskraft zugetraut hat, die es an den Tag legt. Das mitunter viel zu schwermütige Cello hätte es nicht gebraucht, um den Zuschauer die Verzweiflung der Figuren spüren zu lassen. 1970-01-01 01:00

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