— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Auf Anfang

Reprise. N/S 2006 R,B: Joachim Trier. K: Jakob Ihre. S: Oliver Bugge Coutté. M: Ola Fløttum, Knut Schreiner. P: Filmlance International, Spillefilmkompaniet 4. D: Anders Danielsen Lie, Espen Klouman-Høiner, Viktoria Winge u.a.
105 Min. MFA ab 2.8.07

Das Buch des Lebens

Von Jutta Klocke Der Verleger von Eriks erstem Buch ist von dessen Titel nicht gerade überzeugt: »Ich bevorzuge eher Ein-Wort-Titel«, erklärt er, obwohl doch »Prosopopeia« durchaus nur ein einzelnes Wort ist. »Der Eindruck deines ersten Werkes bestimmt deine ganze weitere Karriere« – diese Warnung läßt den Mittzwanziger nur um so vehementer auf seiner Wahl beharren. Schließlich will er mehr sein als einer der modischen Jungautoren, die mit autobiographisch gefärbten Anekdoten kurzweilige Berühmtheit erlangen. Wie sein Freund Phillip nimmt Erik Literatur als Kunst mindestens ebenso ernst wie Punkmusik; beide haben ihre Manuskripte zur selben Zeit geschrieben und werfen sie zu Beginn des Films, die Bedeutung dieses womöglich ihr eigenes Leben und bestenfalls auch gleich die Welt verändernden Momentes heraufbeschwörend, gemeinsam in den Briefkasten. Ein darauffolgender utopischer Flashforward zeigt in schickem Schwarzweiß die Stationen, mit denen das erhoffte Literatenleben der beiden Osloer aufwartet: internationale Anerkennung, ein bohemisches Künstlerdasein – natürlich in Paris, eine unglücklich endende Liebe… Zu all dem nicken die Autoren zustimmend von den Umschlagrücken ihrer Bücher, bei Mißfallen wird das Geschehen kurzerhand geändert. Kommentiert wird dieser Ausblick von einem Erzähler, der die beiden auch nach dem Sprung zurück in die Gegenwart begleitet und dabei eine ähnlich entrückte Position einnimmt wie jene märchenhafte Stimme, die über der Geschichte der Amélie Poulain schwebt.

Wie zu erwarten war, kommt dann alles ganz anders als in der vorangestellten Vision. Die Montage, die in der imaginären Zukunft so brav auf Änderungswünsche reagierte, zeigt sich nun unbeeindruckt von Phillips Versuchen, sein Leben selbst zu lenken. Sein Manuskript wird zwar tatsächlich angenommen, aber wann immer er seine Überzeugung, das Schicksal beeinflussen zu können, überprüft, indem er von zehn abwärts zählt und bei der Null ein Ereignis auszulösen hofft, will der Schnitt einfach nicht gehorchen. Eine langgezogene Schwärze trennt die ausgesprochene Null vom darauffolgenden Bild, nur um Phillips Vermessenheit mit einer ganz und gar alltäglichen Szene abzustrafen. Durch seinen Hang zur Theatralik, mit dem er vor allem seine Freundin Kari zur Schicksalskraft stilisiert, und den plötzlich auf ihn einstürzenden Ruhm verliert Phillip den Halt; seine Karriere endet fürs erste in der Psychiatrie. Während er nach dem Klinikaufenthalt versucht, in sein altes Leben zurückzufinden, wird Eriks Buch ebenfalls akzeptiert. Aber wenngleich die Erfüllung des Traums für ihn nicht ähnlich fatale Folgen hat wie für den Freund, so muß auch Erik bald erkennen, daß sich der Entwurf des freien Künstlerlebens nicht so einfach verwirklichen läßt.

Das erste Buch, der erste Langfilm – die Parallele, die man gern zwischen Protagonisten und Regisseur ziehen würde, erweist sich als hinfällig, denn wenn auch die stilistische Vielfalt des Films zunächst den Eindruck künstlerischer Überambitioniertheit erweckt, so bleibt die Angst vor Trivialität, die in Eriks Buchtitel anklingt, doch allein den Figuren vorbehalten. Statt die sprachliche Kunst der Schriftsteller inhaltlich mit einzubeziehen, entwickeln Kamera und Montage einen ganz eigenen Stil, der dem Drang zur symbolischen Überhöhung genau entgegensteht. Die Bilder sind nicht metaphorisch aufgeladen, sondern finden gerade in trivialen Motiven und flüchtigen Gesten ihre Aussagekraft – in einem Handschlag, einem abschweifenden Blick, einer leeren Fotopinnwand.

Joachim Trier und sein Team nutzen spielerisch verschiedenste ästhetische und narrative Mittel, um komplexe Phänomene wie Liebe, psychische Erkrankung oder Erwachsenwerden, allem voran aber Freundschaft und Selbstverwirklichung, differenziert zu beschreiben. Ein verändertes Tempo innerhalb der Einstellung, die Auflösung der Einheit von Ton und Bild oder ein Wechsel im Schnittrhythmus geben den Szenen eine psychologische Dimension, über die weit mehr transportiert wird als die vorantreibende Handlung. Gleichzeitig bewahrt sich der Film vor allem dort, wo er auf die Diskrepanz zwischen der komplizierten Realität und der manipulierbaren Fiktion verweist, ein ironisches Augenzwinkern, mit dem letztendlich auch der Zuschauer überführt wird. Das stetig fortlaufende Leben kann sein Bedürfnis nach einem geordneten Ende nicht befriedigen, und so schließt sich der Kreis der Erzählung dort, wo sie begann: in der Utopie. 1970-01-01 01:00

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