— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Dawn of the Dead

USA 2004. R: Zack Snyder. B: James Gunn, Michael Tolkin, Scott Frank. K: Matthew F. Leonetti. S: Niven Howie. P: Strike Entertainment, New Amsterdam Ent. D: Sarah Polley, Ving Rhames, Jake Webber, Mekhi Phifer u.a.
95 Min. UIP ab 15.4.04

Abenddämmerung der Medien

Von Stefan Höltgen Ein gelungenes Remake ist immer mehr als eine reine Wiederholung des Originals. Es aspektiert die in ihm angeschnittenen Diskurse, entweder in einer historischen Revision (wie jüngst bei Nispels Remake zu The Texas Chainsaw Massacre geschehen) oder indem es sie auf die »Höhe der Zeit« bringt, um darüber zu spekulieren, wo heute noch das Faszinosum des Stoffes liegen könnte. Zack Snyders Remake zu Romeros Horrorfilm Dawn of the Dead von 1978 konzentriert sich auf diese zweite Perspektive.

Die Erzählung des Films lehnt sich in wesentlichen Teilen an das Skript Romeros an: Ohne bekannten Grund wird die Welt von Untoten, die nach Menschenfleisch gieren und jeden, den sie beißen, infizieren, überrannt. Ein paar Überlebende der sich rasend verbreitenden Seuche verbarrikadieren sich in einem Kaufhaus. Ringsherum wimmelt es von Untoten, die in das Kaufhaus eindringen wollen, ohne um die »Beute« darin zu wissen. Angrenzend an das Grundstück befindet sich ein Waffengeschäft, auf dessen Dach sich der Besitzer verschanzt hat und via handgeschriebener Tafeln und Fernglas mit den Kaufhausbesetzern kommuniziert. Als die Untoten schließlich Waffengeschäft und Kaufhaus stürmen, wagen die Überlebenden einen letzten Fluchtversuch: Zum Hafen soll es gehen und von dort aus auf's Meer, hin zu einer einsamen Insel.

Die von Romero seinerzeit häufig wiederholte »Intention« seines Films, nämlich eine Parabel auf den Konsumterror und den Kapitalismus zu sein, interessiert das Remake nicht. Alle vom damaligen Film und den Exegeten angestellten allegorischen Deutungen von Konsumismus über Kommunismus, Genozid hin zu Herrenmenschentum usw. wirken als Kritik heute anachronistisch, denn sie waren schon zu oft Motiv in und Motivation für Horror- und Fantasy-Filme. Snyder und sein Drehbuchautor Gunn sezieren aus dem Romero-Film – eigentlich sogar aus der gesamten Romero-Trilogie: Night / Dawn / Day of the (Living) Dead – indes einen Diskurs, der zwar immer schon präsent war, jedoch bislang nur als »Mittel zum Zweck« diente: den der Bedeutung der Medien für die Gesellschaft und ihre Rolle bei deren Untergang.

Und hier entfaltet das Dawn-Remake sein Potential als Hommage und als zeitgenössischer Diskursbeitrag zur »Mediologie« gleichermaßen: Romero hat in allen drei Filmen Medien als Übermittler von Nachrichten der Außenwelt zu den eingeschlossenen Helden eingesetzt. Snyder knüpft hier an und entwirft eine Welt, in der sämtliche Kommunikationskanäle nach und nach abgeschaltet, verstopft oder übertönt werden. Zuletzt ist nur noch Konversation mittels selbstgemalter Schilder möglich, um das tierische Gebrüll der Zombies zu »überbrücken«. Und auch innerhalb der Überlebendengruppe ist ein Medium, die »Sprache«, zum einzigen Erkennungszeichen von »wir oder ihr« geworden, in das sich auch nach und nach die Kakophonie der Untoten einschaltet und sie ersterben läßt.

Das Dawn of the Dead-Remake insistiert auf diesem »The Medium is the Message« nicht nur in seiner Erzählung, sondern vor allem auch in seiner Optik. Im Videoclip-Stil durchbrechen Shutter-Aufnahmen, wackelige Handkamera-Einstellungen und andere verfremdende Effekte die Kohärenz der Erzählung und machen den Film damit als Unterhaltungsgut recht schwer gouttierbar. Der Horror des Zombieismus, der langsamen, aber unaufhaltbaren Gefahr, die sich auf die Überlebenden zubewegt, weicht im Remake einer doppelkodierten Dromologie des medialen (Er-) Schreckens. Die Zombies rennen, und zwar ausdauernder und schneller als die Lebenden, und die Bilder flackern und prasseln auf den Zuschauer ein und lassen ihm nicht eine Sekunde der Besinnung. Diese zweite »Morgendämmerung der Toten« vollzieht sich im Zeitraffer und basiert dabei auf der »Abenddämmerung der Medien«. 1970-01-01 01:00

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap