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Gegen die Wand

D 2003. R,B: Fatih Akin. K: Rainer Klausmann. S: Andrew Bird. P: Wüste. D: Birol Ünel, Sibel Kekilli, Catrin Striebeck, Güven Kiraç u.a.
121 Min. timebandits films ab 11.03.04

Rastlose Identität

Von Constanze Frowein Vor der Skyline Istanbuls eröffnet das Selim-Sesler-Orchester das Anti-Märchen von der Liebe zweier Deutsch-Türken in Hamburg. Weder der desillusionierte Alkoholiker Cahit, noch die junge lebenshungrige Sibel können ihrer Vergangenheit durch Selbstmordversuche entfliehen. Während Cahit der Ödnis des Gläsereinsammler-Daseins mithilfe von Pulver- und Bierexzessen zu entkommen versucht und sein Auto mit Vollgas gegen eine Mauer fährt, wagt Sibel das Aufschneiden der Pulsadern konsequent-verbissen, um ihrem konservativ-muslimischen Elternhaus zu entrinnen.

Der heftig umstrittene Begriff »Borderline-Syndrom« scheint auf beide Charaktere der Protagonisten anwendbar: Eine Störung, die an der Grenzlinie zwischen Neurose und Psychose liegt. Die Krankheit macht sich bemerkbar durch suizidale Neigung zum Zweck der Erpressung anderer, instabiles zwischenmenschliches Verhalten, das Leiden unter verschiedenen Süchten, unvorhersehbare Wut- oder Glücksausbrüche, oder das Gefühl der Identitätslosigkeit. Ein ungenaues, weitgreifendes Krankheitsbild stellt sich dar, das womöglich eine Gesellschaftsproblematik auf die psychische Deformation des Einzelnen abschiebt.

Identitätsfindung wird immer komplizierter mit der Frage nach Geschlecht, Religion oder Herkunft. Cahit und Sibel sind Deutsch-Türken der zweiten und dritten Generation. Identitätsfindung bedeutet auch, herauszufinden, was Heimat ist, ob nun im Paß oder im Herzen. Der Konflikt zwischen demokratischen Werten und Freiheit, Tradition und Religion sprengt häufig soziale Bindungen, so auch im Falle Sibels und Cahits.

So erschreckend die blutüberschwemmten hektischen Bilder des Filmes auch sein mögen: Sie zeigen die ignorierte Gefühlswelt zweier vor Energie strotzender Menschen, die sich dem Zwang ihrer Umwelt nicht ergeben wollen und deshalb das eigene Leben auf's Spiel setzen. »I feel you« grölt Cahit synchron zu Depeche Modes düster-forderndem Song. »Ich will ficken, und zwar mit möglichst vielen!«, gibt Sibel zum Besten und erpreßt eine Scheinehe mit Cahit zum Zweck der Befreiung durch das erneute Aufreißen der Pulsadern. Die Großaufnahme einer mühsamen Pulsaderoperation Sibels scheint ihre Hoffnungslosigkeit mit jedem Nadelstich beiseite schieben zu wollen.

Mit Sibel erlebt Cahit eine freundschaftliche Hochzeit, das Gefühl der lange vermißten Geborgenheit und den Willen zu Mehr. In ihr lichtweißes Brautkleid gehüllt erscheint die Frischvermählte im Großstadtdreck, der die Leinwand dominiert, wie eine jungfräuliche Erlöserin einerseits, als männerkonsumierende Ausreißerin verführerisch andererseits. Das Bild des an den Händen butüberströmten Minnenarren Cahit inmitten einer ihn scheinbar ignorierenden Menschenmasse lassen ahnen, daß diese Liebe Opfer kosten wird. Im Affekt tötet er einen Liebhaber Sibels. Während Cahit im Knast sitzt, verspricht seine Ehefrau, die auch in ihm Liebe und Vertrautheit gefunden hat, in ihrem einzigen Brief ins Gefängnis, auf ihn zu warten.

»I feel you« brüllt jetzt Sibel synchron zu Dave Gahans Stimme im vom inhaftierten Gatten weit entfernten Istanbul. Einsam und immer noch auf der Suche nach dem eigenen Ich ist sie ihrer Tante in das von Gegensätzen wie Tradition und Erneuerung geprägte Istanbul gefolgt.

Eine Hommage an das »Hier und Jetzt« schafft Fatih Akins Gegen die Wand, das in der ersten Hälfte hektisch-treibend die verzweifelte Suche der Protagonisten unterstreicht. Mit der Entdeckung der gegenseitigen Liebe der Vermählten wird in der zweiten Hälfte des Dramas auch die Bildfolge ruhiger, die Dialoge sind konzentrierter.

Birol Ünel in der Rolle des tragischen Helden Cahit und die unschuldig und obszön zugleich wirkende Sibel Kekilli tragen die Ballade mit schauspielerischer Inbrunst. Sie lassen verstehen, wieso Exzeß, Haß und Leid so untrennbar durch ein Leben führen können. Unfaßbar und ernüchternd, daß die Hauptdarstellerin die Wirklichkeit durch schmierige Erpressungen der Boulevard-Presse und dadurch ausgelöste Einhaltung traditioneller Erstarrung eingeholt hat. 1970-01-01 01:00

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