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1/2 Miete

D 2002. R,B: Marc Ottiker. K: Stefan Runge. S: Achim Seidel. P: Reverse Angle Factory. D: Stefan Kampwirth, Martin Ecker, Doris Schretzmayer, Natascha Bub, Alexander Beyer u.a.
92 Min. Neue Visionen ab 01.01.04

Fifty Fifty

Von Achim Wetter Es dürfte kaum jemandem fremd sein, das nächtliche Hadern mit dem Federbett. Den Kopf endlich eingemummelt, frösteln die Füße, und endlich Abhilfe geschaffen, fehlt oben der entscheidende Zipfel. Ein Phänomen, mit dem man sich genauso abfindet wie mit dem regelmäßigen Scheitern gering alimentierter Kinoproduktionen, das stets zu kurze Deckchen des Niedrigbudgets nicht nur über den Filmrumpf, sondern gleichermaßen über die Exposition und das Finale zu spannen. Und vielleicht sollte man ob dieser Regelmäßigkeit Marc Ottiker die ersten zehn Minuten seines Kinodebüts auch gar nicht vorwerfen.

Im Eingangssegment riecht es nämlich schwer nach Heim- und Studentenvideo. Hektisch und aufgekratzt sollte der Einblick in den Lebenswandel von Computerhacker Peter wohl wirken. Müde jedoch verharrt die Digitalkamera in langen Einstellungen auf den Beziehungsstreitigkeiten zwischen der Hauptfigur und seiner hochneurotischen Freundin. Es ist, als würden sich die Filmemacher schämen für die geringen, schnelle Standortwechsel geradezu herausfordernden Abmessungen ihrer handlichen Bildermaschine.

Ist die mißratene Einleitung überstanden, tut sich jedoch eine sehr rührende Geschichte auf, die trotz ihrer konstruierten Storyline um eine ganze Reihe von Nebenfiguren durchaus so etwas wie Tiefgang entwickelt. Peter, aus seiner Wohnung und vor allem vor seiner toten Freundin geflohen, irrt ziellos durch die Straßen. Zufällig bemerkt er, wie ein Jogger seine Hausschlüssel auf einem Autoreifen deponiert, und nutzt die Zeit, um in der fremden Wohnung zu duschen – bemüht, keinerlei Spuren zu hinterlassen. Weitere Gelegenheiten ergeben sich, unbemerkt in fremde Wohnungen zu gelangen. »Weg von Besitz, hin zur Tausch- und Leihwirtschaft«, wird eines seiner Opfer sinnieren, das Peter zwar ertappt, ihm dann aber großzügig den Zweitschlüssel überläßt. Immer tiefer dringt Peter in die Lebenswelten der jeweiligen Wohnungsinhaber vor und fängt schließlich sogar an, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Er bedient sich an den Vorräten, verstellt Schachfiguren, räumt auf, kocht und erobert am Ende sogar das Herz der Ordnungsfanatikerin Paula.

So kontinuierlich, wie sich Peter vom herzlosen Computerjunkie zum behutsam agierenden Romantiker entwickelt, so stetig steigert sich auch die Qualität der filmischen Mittel und kulminiert schlußendlich in einer Finalsequenz allerhöchster Kinoqualität. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #33.
© 2012, Schnitt Online

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