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Der König tanzt

Le roi danse. B/F/D 2000. R,B: Gérard Corbiau. B: Eve de Castro u.a. K: Gérard Simon. S: Ludo Troch, Philippe Ravoet. M: Reinhard Goebel. P: K-Star, MMCI u.a. D: Benoît Magimel, Boris Terral, Tchéky Karyo, Emil Tarding, Colette Emmanuelle u.a.
115 Min. Helkon ab 26.4.01

Das Auge ißt mit

Von Rüdiger Suchsland Ein Feuerwerk sprüht gleißende Funken, Pauken und Trompeten heben an, und dann geht die Sonne auf: Der Sonnenkönig tanzt, und mit ihm das Kino – zumindest in Gérard Corbiaus neuem Film Der König tanzt.

In der Verfilmung der Lebensgeschichte Jean-Baptiste Lullys, dem Hofkomponisten Ludwigs XIV., gelingt Corbiau wie schon in Farinelli eines der zu seltenen Beispiele europäischen Kinos von satter Opulenz. Man muß gar kein Anhänger von Georges Batailles Theorie der Verschwendung sein, um zu bedauern, daß Derartiges zu wenig auf der Leinwand zu sehen ist. Aber ein bißchen mehr visuellen Exzeß im Stil Corbiaus würde man manch anderem Film schon wünschen.

Zugleich bleibt dessen Anspruch nicht in Bilderfluten stecken: Indem es in Der König tanzt nicht allein um persönliche Schicksale und die Rekonstruktion historischer Ereignisse, sondern auch ganz grundsätzlich um Fragen der Kluft zwischen ästhetischer Repräsentation und darzustellendem Inhalt, um Kunst als versinnbildlichte Weltordnung geht, kann man den Film zugleich als – kritischen – Kommentar zur Rolle des Künstlers, seinem prekären, zwischen Opportunismus und Rebellion schwankenden Verhältnis zur Macht lesen.

Sobald die Machtverhältnisse unsicher werden, gewohnte Ordnungen ins Wanken kommen, muß der Künstler als erster dran glauben. Das, meint zumindest Regisseur Corbiau, sei zu allen Zeiten gleich gewesen: »Lully lebte im Zeitalter absolutistischer Fürstenherrschaft. Heute sind die Fürsten die Fernsehsender, da sind die Entscheidungszentren.« Freilich scheint für den Barock zu gelten, daß alles perfekt war, gerade wenn nichts passierte, wenn die Welt fest in der statisch-geometrischen Ordnung des Universums verankert ist. Doch Corbiau zeigt, daß die kopernikanische Wende, die schon hundert Jahre vor Lully vollzogen war, eine Mobilmachung der astrologischen wie der gesellschaftlichen Verhältnisse bedeutete. Die Sonne und der Sonnenkönig standen fest im Zentrum, doch alles andere war von der wissenschaftlichen Revolution zerbrochen. Das neue Universum ist unendlich, die Welt ein Perpetuum Mobile, in dem Gott und König die Bewegung symbolisieren.

Die Offenheit und Unsicherheit des Barock wendet Corbiau auf heutige Verhältnisse, er zeigt diese Zeit als ein Teil von uns, der mehr gegenwärtig ist als der Heroismus der Renaissance, die zivile Askese des Aufklärungszeitalters: Satte Körperlichkeit, kühn gesteigert, affektiv. Ein stärkeres »Zeigen-Wollen«, die üppige Lust an der Welt als ein »theatrum mundi«. Inszenierung ersetzt Idealisierung.

Die exakte Wissenschaft schärft das Bewußtsein für die Hinfälligkeit der Dinge, daher auch die Lust an den Täuschungseffekten des Illusionismus. Die Doppelbödigkeit der Wirklichkeit wird herausgearbeitet; die Frage, was real ist, was Täuschung, kann nicht mehr entschieden werden. Insofern sind heutige virtuelle Welten die direkten Erben des Barock, den Corbiau vorführt – hierin liegt die Modernität dieses so antiquiert modellierten Films.

Corbiau argumentiert dabei nicht mit Worten, sondern mit Bildern und Musik. Er will Kino als Bewegung und Überwältigung zelebrieren. Und wenn es nichts anderes ist, dann doch eine plausible Interpretation des Barock, genauer noch in der Haltung als in dem, was man sieht. 1970-01-01 01:00

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