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Das Leben der Anderen

D 2005. R,B: Florian Henckel von Donnersmarck. K: Hagen Bogdanski. S: Patricia Rommel. M: Gabriel Yared. P: Wiedemann & Berg. D: Martina Gedeck, Ulrich Mühe, Sebastian Koch, Ulrich Tukur u.a.
137 Min. Buena Vista ab 23.3.06

Dein Leben gehört mir

Von Nikita Braguinski Es wird behauptet, jeder könne eine Arbeit finden, die zu seinen Neigungen und Wünschen passe. Im Falle des Stasi-Hauptmanns Gerd Wiesler scheint diese Annahme tatsächlich zuzutreffen. Wiesler lebt vollkommen allein in einer steril wirkenden Wohnung ohne jegliche persönliche Prägung und hat, wie es aussieht, überhaupt kein eigenes Privatleben. Das ist offenbar auch der Grund, warum er sich so gerne in »das Leben der Anderen« – so auch der Filmtitel – hineinschleicht, und das mit allen technischen und organisatorischen Mitteln, die einer modernen Sicherheitsbehörde im Jahre 1984 zur Verfügung gestanden haben. Das Jahr der Handlung ist nicht zufällig gewählt: Einerseits steht in Rußland der Beginn der Perestroika unmittelbar bevor, und andererseits verweist es auf den bekannten Roman von George Orwell, der bis heute ein Symbol für staatliche Überwachung und Gewalt geblieben ist.Diese Staatsgewalt tritt in Das Leben der Anderen nie alleine auf, sondern immer in Begleitung der Korruption, die in Gestalt von Minister Bruno Hempf und Oberstleutnant Anton Grubitz ein durchaus glaubwürdiges Gesicht bekommt. Den privaten Begierden des Ministers und den Karrierebestrebungen des Oberstleutnants ist es dann auch schließlich zu verdanken, daß Gerd Wiesler wieder mal in einem fremden Leben herumspionieren darf – er wird mit der Überwachung des erfolgreichen Schriftstellers Georg Dreyman beauftragt. Daß dieses Aushorchen keineswegs ein lediglich harmloser Spaß für den einsamen Stasi-Mitarbeiter bleiben wird, zeigt die Eingangssequenz des Films, in der Wiesler den »Häftling 227« nach einer authentisch rekonstruierten psychologischen Folter mit Schlafentzug und Dauerverhör schließlich – und das nach allen Regeln der Kunst und nicht ohne humorigen Zynismus – zu der endgültigen belastenden Aussage bringt.

Die erschreckenden Bilder, in denen die ganze Fragilität des menschlichen Lebens angesichts der gigantischen Maschine, die es jede Sekunde zertrampeln könnte, vorgeführt wird, machen in Das Leben der Anderen jedoch nur die Hälfte des Films aus. Die andere, kontrastierende Hälfte besteht aus einer im Vergleich zur staatlichen Gewalt eher abstrakten und philosophisch ausgerichteten Betrachtung über das Publikum im Allgemeinen. Regisseur und Drehbuchautor Florian Henckel von Donnersmarck jongliert während der gesamten Stasi-Geschichte unaufhörlich mit verschiedensten Bedeutungen und Assoziationen, die das Wort »Publikum« umgeben, und verleiht seinem Film somit einen verspielten Ton, der angesichts der gezeigten Situationen einen relativ makabren Eindruck hinterläßt.

Überhaupt ist es fraglich, ob das Publikum heute, im Zeitalter von Guantanamo und Telekommunikationsdatenvorratsspeicherung die spannende Geschichte und die hier und da aufkeimende Komik in Das Leben der Anderen genießen kann. Die psychologischen Erklärungen für die Beschaffenheit der Person Gerd Wieslers, die die suggerierte Ausweglosigkeit stark abmildern, mögen den Zuschauer mit den Geschehnissen in gewisser Weise versöhnen. Daß der Regisseur es jedoch mit dem Aktualitätsbezug durchaus ernst meint, offenbart sich in einem kleinen, aber markanten Detail: Für die Rolle des Häftlings 227 wurde ausgerechnet Bastian Trost gewählt, der im Film Schläfer von Benjamin Heisenberg einen vom Verfassungsschutz angeworbenen jungen Wissenschaftler spielt, dessen Leben daraufhin völlig unter fremde Kontrolle gerät. 1970-01-01 01:00
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