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Miami Vice

USA 2006. R,B: Michael Mann. K: Dion Beebe. S: William C. Goldenberg, Paul Rubell. M: John Murphy. P: Universal Pictures, Forward Pass, Michael Mann Productions. D: Jamie Foxx, Colin Farrell, Gong Li u.a.
132 Min. UIP ab 24.8.06

Zwei stahlharte Profis

Von Daniel Bickermann Die größte Leistung dieses Films ist seine Ernsthaftigkeit. Gefährlich nah lag die Option, diesen als Fernsehserie verschleierten Modekatalog aus den 80ern mit einer nostalgisch-satirischen Verfilmung à la Starsky & Hutch zu versehen, wo dann wieder die legendären Goldkettchen über mächtiges Brusthaar baumeln, das aus weit aufgeknöpften Pastell-Hemden quillt. Vielleicht mit Vince Vaughn als Crockett und Chris Rock als Tubbs.

Statt dessen hat sich der Meister persönlich seines selbsterschaffenen Monsters angenommen und es liebevoll in eine neue Zeit hinübergerettet. Michael Mann hat zwar nur ein einziges Drehbuch zu der seinerzeit aufsehenerregenden Serie beigesteuert, war aber als Produzent der richtungsweisenden ersten Folgen für den extravaganten Kleidungs- und Inszenierungsstil der Serie ebenso verantwortlich wie für die erstaunlich trockene Brutalität und wird deswegen wohl nicht ganz zu Unrecht oft als eigentlicher Erfinder von Miami Vice gehandelt.

Seine Kinoversion ist eher ein Update im Sinne der Bond-Filme als ein Remake, und dankbarerweise erkennt Mann die Zeichen der früheren Zeit als das, was sie einmal waren (und nicht als das, was sie heute zu sein scheinen). So wird aus dem einstigen Macho-Pomp, der seinerzeit Stilmaßstäbe setzte, inzwischen aber reichlich überdreht wirkt, in dieser Neuversion ein brandaktueller Macho-Pomp, der erneut Stilmaßstäbe setzen könnte: Nicht nur Colin Farrells Kombination von Tex-Mex-Schnurrbart mit schulterlanger Lockenmatte erfüllt mit genau der richtigen Prise Geschmacklosigkeit die Voraussetzungen zum echten Trendsetten. Genauso geht es mit der Musik, die von den inzwischen peinlich angehauchten Synthie-Klängen eines Phil Collins zum pulsierenden Herzrhythmus-Groove erneuert wurden, wobei die jaulenden E-Gitarren und elektronischen Keyboards der 80er noch immer geisterhaft präsent wirken. Dazu natürlich die erwarteten Versatzstücke wie Cabrios, Speedboote, Lear-Jets und der trockene, harte Sound von Gewehrschüssen.

Überhaupt ist Michael Manns Miami Vice eine Demonstration in Sachen Stilsicherheit. In der visuellen Darstellung macht diesem Regisseur niemand etwas vor, nirgends sehen Männer so cool und sexy aus wie bei Mann, und niemand kann Farben so elegant einsetzen wie er. Auch in diesem Film überflutet er die Charaktere mit seinem typischen blauen Gegenlicht und zeichnet mit sanften Kamerafahrten ihre dunklen Silhouetten gegen ein weites Panorama ab (das Meer, die flache Großstadt, die mittelamerikanische Küste). Auf der anderen Seite steht eine digitale Handkamera, die ihm über die Jahre immer wackliger gerät und mit der er in Extremsituationen den Figuren extrem nah auf die Pelle rückt, um einen Gegenpol zu den langen, atmosphärischen Personenporträts zu geben. Nein, auf einer stilistischen Ebene wird man dieses Jahr wohl keinen eleganteren Film sehen, keine besser ausgeleuchteten Männnergesichter und keine dampfendere Erotik als die unter den schwülen, windigen Sommergewittern von Miami (auch wenn es Mann mit einem halben Dutzend Tanz-, Sex- und vor allem Duschszenen dann doch ein wenig übertreibt).

Wer jetzt, nach der Besprechung von Frisuren, Klamotten und Körpern, noch auf die eigentliche Filmkritik wartet, den muß der Rezensent aus gegebenem Anlaß leider enttäuschen. Denn der geneigte Leser wird beim Kinobesuch zwischen all der Mode und Musik ebenso vergeblich auf den eigentlichen Film warten. Damit ist nicht gesagt, daß die darunterliegende Story schlecht oder gar ärgerlich wäre – sie ist nur nicht so richtig präsent, sondern tritt deutlich in den Hintergrund zugunsten der stilistischen und visuellen Anliegen des Films. Das liegt zum einen an Farrell und Foxx, die anders als seinerzeit DeNiro, Smith oder Cruise die Zusammenarbeit mit Michael Mann nicht dazu nutzen konnten, eine seltene Meisterleistung abzuliefern; es hat aber auch mit dem ungewöhnlich flachen Drehbuch von Mann selbst zu tun, das kaum mehr Substanz und Spannung bietet als eine normale Serienfolge. Für Stilkritiker also ein Muß, für Filmfreunde nur ein fluffiger visueller Leckerbissen, der schon am nächsten Morgen vergessen ist. 1970-01-01 01:00
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