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Nichts bereuen

D 2001. R: Benjamin Quabeck. B: Hendrik Hölzemann. K: David Schultz. S: Tobias Haas. M: Lee Buddah. P: Stephanie Wagner. D: Daniel Brühl, Jessica Schwarz, Marie-Lou Sellem, Denis Moschitto u.a.
99 Min. Ottfilm ab 15.11.01
Von Nikolaj Nikitin Die Feststellung, daß »Teen«-Kino (nicht nur die US-Produktionen, sondern auch die aus heimischen Gefilden) überaus erfolgreich an der Kasse funktionieren können, ist wahrlich nichts Neues. Ab und zu sind diese Produktionen handwerklich solide und warten mit jungen, unverbrauchten Gesichtern auf. Mit ganz viel Glück strengt sich auch noch jemand beim Verfassen des Buches an, macht sich Gedanken, und die Handlungsstränge passen halbwegs zueinander. Bis auf wenige Ausnahmen (allen voran Crazy) fehlt aber all diesen Subgenrebeiträgen eines – und so platt es auch klingen mag: Ich nenne es »Seele«.

Benjamin Quabeck ist es allerdings gelungen, mit seinem Abschlußfilm von der Filmakademie Ludwigsburg (wo er mit einfallsreichen Kurzfilmen wie Höhlenangst auffiel) ein wahrlich beseeltes Stück Kino zu inszenieren. Dem Werk gelingt es auf eine nahezu unheimliche Art und Weise, uns unglaublich tief in die Psyche des Protagonisten Daniel zu ziehen. Dank der behutsamen Regieleistung wird spürbar, daß im Film Probleme erzählt und Situationen geschildert werden, die »wahr«, nahe am echten Leben sind.

Nichts bereuen lebt vor allem von der brillanten schauspielerischen Leistung des Hauptdarstellers Daniel Brühl. Er ist momentan mit Sicherheit der spannendste Jungdarsteller Deutschlands. Jungdarsteller nicht nur deshalb, weil er es noch ist und Typen spielt, die der Teenager-Ecke entspringen (Schule). Jung vor allem, weil sein unverbrauchtes Gesicht und sein Charme, seine Verletzlichkeit und Unsicherheit (in der Figurenzeichnung, nicht im Spiel) ihn zu einem seltenen Beispiel deutscher Schauspieler macht, die die Kamera lange auf ihrem Gesicht ertragen können und vor allem im passiven Spiel überzeugen. Nichts bereuen gibt Brühl viele Möglichkeiten, sein Können zu offenbaren und seiner bisherigen Palette einen neuen Typus hinzuzufügen.

Gerade aus der Schule raus, steht für Daniel der Zivildienst vor der Tür (mit all den dazugehörigen Höhen und Tiefen), zudem ist da die lange unerfüllte Schulliebe Luca (Viva-Moderatorin Jessica Schwarz überzeugt mit Bravour in ihrer ersten großen Filmrolle) und die verführerische Chefin (grandios: Marie-Lou Sellem, die viel zu selten in letzter Zeit das Licht der Leinwand erblickt). Quabeck ist es mit einem herausragenden Schauspielerensemble gelungen, einen wahrhaftigen Film zu machen über deutsche Jugendliche, deren Probleme realistisch erscheinen und nicht der »Bravo« oder einem Wochenenddrehbuchseminar entsprungen sind.

Das ist bei einer Abschlußarbeit umso erstaunlicher, weil weder auf eine Vermarktbarkeit geschielt, noch die (gerade in Ludwigsburg stark geförderte) Special-Effects-Ebene ausgespielt wurde. Viele Szenen zeugen von der so oft besungenen Authentizität, was sich zum großen Teil durch den stark autobiographischen Charakter und das junge Alter des Autors erklären läßt. Brühl fasziniert so sehr mit seinem leidenschaftlichen Spiel, daß wir traurig sind, wenn das Licht angeht, und das Gefühl bekommen, einen frisch gewonnenen Freund verloren zu haben.

Doch nicht nur auf dramaturgischen und schauspielerischen Gefilden weiß Quabeck zu bestehen. Die Optik und die Einstellungen von Kameramann David Schultz sind stets mit Bedacht gewählt, ein Kamerakonzept wird spürbar, gefühlvoll wird mit Farben gespielt und den Darstellern viel Raum zum Agieren gelassen. Besonders freut der gekonnte Einsatz der Tiefenschärfe. Neben der Musik, die eine wesentliche Rolle spielt, existiert ein weiterer Hauptdarsteller und auch den haben wir ähnlich wie Brühl in letzter Zeit häufiger auf der Leinwand gesehen: die Stadt Wuppertal, die aber hier so gar nicht an das Bild des Kollegen Tykwer erinnern mag.

Da der Film, würde man ihn nur inhaltlich beschreiben wollen, recht platt rüberkäme, sei abschließend folgende Platitüde erlaubt: Wer sich diesen Film anschaut, wird es auf jeden Fall nicht bereuen. 1970-01-01 01:00

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