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Kein Science Fiction

D 2003. R,B,S: Franz Müller. K: Frederik Walker. S: Dirk Oetelshoven, Barbara Hoffmann, Sean Coffey. M: Tobias Ellenberg. P: Kunsthochschule für Medien Köln, Produktion Film O. D: Arved Birnbaum, Jan Henrik Stahlberg, Nicole Marischka, Heidi Ecks u.a.
112 Min. Exit ab 4.3.04

…und täglich grüßt die Herausforderung

Von Susanne Bohlmann Jeden Tag seit unserer Geburt sind wir gezwungen, die verschiedensten Situationen zu bewältigen. Jeden Tag lernen wir die Spielregeln für ein gesellschaftliches Miteinander. Und jeden Tag lernen wir, daß Selbstbewußtsein und das richtige Auftreten den gewünschten Erfolg bringen und das Gegenteil weder einen Job noch eine Beziehung zu anderen Menschen. Doch was wäre, wenn man für sein Verhalten keine Konsequenzen mehr tragen müßte, was wäre wenn man so viele Chancen hätte wie man wollte oder bräuchte?

Marius, ein Motivations-Seminarleiter, selbstbewußt und arrogant, und Jörg, dessen Schüler und ein beispielhafter Verlierer, machen diese Erfahrung. Sie öffnen eine Tür, und danach ist nichts mehr wie vorher. Es ist, als hätten sie nie existiert und Menschen, die sie kennenlernen, vergessen sie sofort, wenn zwischen ihnen eine Tür geschlossen wird. Tja, was wäre wenn…? Man könnte sein Verhalten perfektionieren, um das entsprechende Resultat zu erhalten, man könnte sich nehmen, was man wollte, und alles tun, wonach einem ist. Die absolute Freiheit – möchte man meinen. Doch ein Paradies ist das nicht.

Wie gern haben wir Bill Murray 1993 zugesehen, wie er jeden Morgen zu Sony und Chers Hit »I Got You Babe« aufgewacht ist und den Murmeltiertag wieder und wieder erlebte. Die deutsche Antwort darauf hat jetzt Franz Müller mit Kein Science Fiction gegeben. Nicht ganz so bunt und actionreich, doch nicht minder beeindruckend wird auch hier der Frage nachgegangen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Marius und Jörg erkennen bald, daß es die Menschen sind, die uns kennen und uns irgendwie das Gefühl geben, nicht ganz allein zu sein. Und obwohl beide aus unterschiedlichen Welten kommen und verschiedene Herangehensweisen haben, diese verrückte Situation zu meistern, lernen sie schon bald, den anderen zu schätzen, denn das, was sie teilen, macht sie füreinander unentbehrlich. Am Ende finden beide einen Weg, den ständigen Kampf um die Zuneigung anderer zu bestreiten, und sie lernen, die vielen Türen zu öffnen, die dazwischen liegen.

Frederik Walker fängt die Protagonisten größtenteils mit Handkamera ein und verzichtet gänzlich auf besondere Lichtsetzung und konstruierte Kadrage. So blickt man in eine natürliche und ungeschminkte Szenerie, die wirkungsvoll Nähe zu Figuren und Geschichte schafft. Diese Unmittelbarkeit wird vermutlich auch dadurch hervorgerufen, daß Figuren und Geschichte zu großen Teilen gemeinsam mit den Schauspielern entstanden und daß die meisten Dialoge improvisiert wurden.

Eine großartige schauspielerische Leistung und eine liebenswerte, witzige sowie melancholische Geschichte machen Kein Science Fiction zu einem kleinen Schmuckstück des deutschen Kinos. Obwohl der Film zuweilen Längen aufweist, wird der Zuschauer amüsiert und ein wenig nachdenklich im Kinosessel zurückgelassen. Und wieder wurde bewiesen, daß es nicht viel Geld braucht, um anspruchsvolles und unterhaltendes Kino zu schaffen. 1970-01-01 01:00
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