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Songs from the Second Floor

Sanger fran andra vaningen. S/F/DK 2000 R,B,S: Roy Andersson. K: István Borbás, Jesper Klevenas. M: Benny Andersson. P: Andersson Filmproduktion AB. D: Lars Nordh, Stefan Larsson, Lucio Vucina, Hasse Söderholm u.a.
98 Min. REM ab 18.4.02
Von Thomas Waitz Ein Mann betritt langsam den Raum eines Solariums. Er trägt einen dunklen Anzug, eine Aktentasche liegt in seiner Hand. Etwas schwerfällig wirkt er, zögernd schiebt er seine Füße vor, die unter grotesk blauen Überziehern verborgen sind.

Das Gerät ist eingeschaltet. Sein ultramarin schimmerndes Licht überstrahlt die kahlen Töne der mattgrün gestrichenen Wände, wirft ein kaltes Leuchten auf die Szenerie. Unter der Sonnenbank, kaum zu erkennen, liegt, gleich einem Gefangenen in absurden Fesseln, ein anderer Mann. Es sind nur seine Füße, die wir zu erkennen vermögen. In dieser Konfiguration liegt bereits ein Gutteil der Ungleichheit der beiden Protagonisten begründet. Sie befinden sich einer neben dem anderen, sie sprechen, aber sie scheinen nicht miteinander zu reden. Eine Form der Demütigung – eine, die durch ihre filmische Repräsentation den Zuschauer zwingt, Stellung zu beziehen. In den immer wieder auf elementarste menschliche Figurationen reduzierten Szenen in Roy Anderssons Film geht es stets um diese Themen: Respekt, Demütigung, eine grausame, beiläufige Verwundbarkeit des Einzelnen.

Songs from the Second Floor ist ein schwieriger und ehrgeiziger Film, der viele Fragen stellt nach dem Zustand der modernen westlichen Gesellschaft, nach den Verhältnissen, in denen wir leben, und damit nach unserer menschlichen Verfaßtheit selbst. Er fragt nach dem, was diese Gesellschaft zusammenhält, was sie trägt, nach der Abwesenheit von sinnstiftenden Bildern, Werten, Idealen. Und er fragt nach der Abwesenheit des Religiösen. Einmal heißt es: Alles, was wir tun können, ist hoffen.

Sechsundvierzig eigenständige »Bilder« werden lose zusammengehalten durch eine die Protagonisten in Beziehung setzende Narration. Die mit einer statischen, beobachtenden Kamera fotographierten One Shot Scenes bestehen aus langen und extrem stilisierten Einstellungen der Totale. In ihrer Stase finden sie zu einem Bild der Unausweichlichkeit. Die Menschen sind lebende Tote geworden, aschfahl, krank, kaum in der Lage zu einer Bewegung, geschweige denn: zu einem Ausbruch.

Und die Toten – sie kommen zurück aus dem Zwischenreich, immer näher, werden ununterscheidbar. In der wohl eindrücklichsten Szene des ganzen Films nähern sie sich auf einem weiten Feld dem verzweifelten Menschen im Vordergrund. Sie mögen verschwinden, ruft er ihnen zu. Doch plötzlich sind sie viel mehr, als es zunächst schien. Gleichzeitig ist diese Szene eine der vielen, die ikonographisch explizit auf die religiöse Konnotation des Gezeigten verweist. Im unfaßbar traurigen, dunklen Bild der zu einer gigantischen Müllhalde aufgetürmten Kreuze jeder Art und Größe kumuliert der Eindruck einer Welt, die sich von Gott abgewendet hat.

Roy Andersson hat einen herausfordernden und in jeder Hinsicht beeindruckenden Film gemacht, der einen verletzenden und bitteren Blick auf das wirft, was unsere menschliche Existenz im Innersten ausmacht. Wer ihn gesehen hat, wird seine Bilder nicht wieder vergessen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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