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eXistenZ

CAN/GB 1998. R,B: David Cronenberg. K: Peter Suschitzky. S: Ronald Sanders. M: Howard Shore. P: Alliance. D: Jennifer Jason Leigh, Jude Law, Willem Dafoe, Ian Holm u.a.
108 Min. Kinowelt ab 11.11.99

The 13th Floor

USA/D 1998. R,B: Josef Rusnak. K: Wedigo von Schultzendorff. S: Henry Richardson. M: Harald Kloster. P: Centropolis. D: Craig Bierko, Gretchen Mol, Vincent D'Onofrio, Armin Mueller-Stahl u.a.
100 Min. Jugendfilm ab 25.11.99

Trost des Erwachens

Von Claus Löser Wir sind aus solchem Stoff wie der von Träumen,
und dieses kleine Leben umfaßt ein Schlaf.
(Shakespeare »Der Sturm«)

Daß uns die Wahrnehmung ins Messer laufen läßt, daß die vorgefundene Wirklichkeit gar nicht die »wirkliche Wirklichkeit« sein könnte - dies kann als menschliche Ur-Angst eingestuft werden. Jedes Kind durchlebt irgendwann den Schock des ersten bewußt empfundenen Alptraumes und das Grauen darüber, vielleicht für immer in diesem Schrecken gefangen bleiben zu müssen.

Wenn es heute eine regelrechte Welle von Filmen gibt, die sich mit der Simulation von Paralleluniversen beschäftigen, so ist dies weniger Folge der galoppierenden Informationsgesellschaft als vielmehr die zeitgenössische Variante archetypischer Erzählungen. Denn trotz allen technischen Brimboriums hat sich der Kern der Geschichten nicht wesentlich geändert. Im Herbst widmen sich in dichter Folge gleich zwei Produktionen dem Themenkomplex, zwei Filme, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten; der Vergleich reizt.

Mit allem erdenklichen Aufwand an Special Effects und Ausstattung schickt Roland Emmerich seinen Vasallen Josef Rusnak ins Rennen: The 13th Floor beschreibt das schichtweise Eintauchen eines Computer-Experten in die Relativität des Irdischen, seine Verwirrung, Bedrohung, schließlich Erlösung. Ein gigantischer Rechner entpuppt sich als Simulationsmaschine, die eigene Existenz als Programmiereinheit.

Bei aller Bemühung um Modernität bleibt der Film den klassischen Strickmustern des Genres treu: Es gibt einen Mad Scientist, dessen Forscherdrang eine digitale Pandora-Büchse öffnet, es gibt das Spieler-Gegenspieler-Paar, die schöne Unbekannte, einen Detektiv mit Schlapphut usw.; in technologischer Hinsicht eine durchaus achtbare Leistung auf der Höhe ihrer Zeit, aber eben keine zeitlose Arbeit.

Auffällig auch das fast krampfhafte Bemühen, jeden Hinweis auf die deutsche Teilherkunft zu verleugnen. Zwecklos. Deutsch ist das Produkt gerade in seiner buchhalterischen Akkuratesse. Die vollständige Abwesenheit von Erotik und Humor, das Pathos seiner Botschaft verraten die Herkunft allemal.

In David Cronenbergs eXistenZ gibt es keine blinkenden Lämpchen, keine ehrfürchtig stimmenden Mega-Computer oder wimmelnde Totalansichten von futuristischen Millionenstädten. eXistenZ spielt über große Strecken im Wald, im Märchenwald. Hänsel und Gretel alias Ted Pikul und Allegra Geller begeben sich schaudernd in ihn hinein, Station für Station absolvieren sie Prüfungen und begegnen dem Bösen (tückischerweise nicht in Form einer Hexe, sondern in sich selbst).

Die Spieledesignerin Allegra erlebt just an dem Tag, da ihre jüngste Kreation öffentlich vorgestellt werden soll, einen Anschlag auf ihr Leben. An der Seite des viel jüngeren Ted flieht sie ins ländliche Umland einer niemals visualisierten Stadt, gerät wiederum in Gefahr, knüpft Kontakte mit vermeintlichen Freunden, wird verraten, verrät selbst, wird zum Spielball zweier Bürgerkriegsparteien und überlebt.

Auch hier gibt es eine Erlösungs- bzw. Auflösungsszene – diese fällt allerdings viel weniger absolutistisch aus als bei The 13th Floor. Wie überhaupt alles anders ist bei Cronenberg: Wo Emmerich Handwerker ist, geht es ihm um künstlerische Handschrift, wenn der Schwabe stringent ein ausgefeiltes Drehbuch »durchzieht«, schwenkt Cronenberg immer wieder auf Merkwürdigkeiten ab, bringt (scheinbar) unnütze Einsprengsel ins Spiel, bricht Linien ab, greift neue auf.

The 13th Floor ist äußerlich perfekt, eXistenZ ist obsessiv. Emmerich/Rusnak verstehen sich als Dienstleister, Cronenberg als Autor. Eigentlich geht es ja in eXistenZ primär nicht um die Programmiererin Allegra, sondern um den Naivling Ted. Das Spiel verkörpert seine Initiation, seinen Verlust an Unschuld durch Erfahrung. Schon äußerlich durch die exakt gescheitelte Frisur und den bis obenhin zugeknöpften, filzgrauen Anzug an einen Novizen oder Kadetten erinnernd, bleibt für ihn nach diesem Trip nichts mehr so, wie es vorher war. Und selbstverständlich geht es um Sex. Ted wird von seiner Meisterin regelrecht defloriert. Jennifer Jason Leigh besticht durch ein gleichermaßen präzises wie laszives Spiel. Wenn sie sich hinbreitet, um an den überaus erogenen Nippeln ihrer »Meta-Gewebe-Spieleinheit« zu fingern, erinnert dies an die berühmte Masturbationsszene aus Ingmar Bergmans Tystnaden. 1970-01-01 01:00

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

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