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Auf der anderen Seite

D 2007. R,B: Fatih Akin. K: Rainer Klausmann. S: Andrew Bird. M: Shantel. P: corazón international, Anka Film. D: Baki Davrak, Nursel Köse, Tuncel Kurtiz u.a.
120 Min. Pandora ab 27.9.07

Weniger ist manchmal mehr

Von Arezou Khoschnam Fatih Akin – ein in Filmkreisen wohlbekannter Name mit stetig wachsendem Status, der längst zur Eigenmarke geworden ist. Dieser Name deutet bereits an, was man zu erwarten hat, spielen Akins Geschichten doch stets auf der anderen Seite. Mit seinem Debüt Kurz und schmerzlos, das von der griechisch-serbisch-türkischen Freundschaft zwischen drei sympathischen Kleinkriminellen handelt, hat der türkische Regisseur den Beziehungskomödien und den von deutsch-deutschen Themen inspirierten nationalen Produktionen in den späten 1990ern eine erfrischende Alternative gegenübergestellt und damit in der deutschen Kinolandschaft sicherlich eine Lücke gefüllt. Es folgten der märchenhaft inszenierte Liebesfilm Im Juli sowie die bewegende Familienchronik Solino, mit denen er den Erfolg seines Erstlings fortsetzen konnte. Doch erst sein letzter Film Gegen die Wand verschaffte ihm zu Recht den internationalen Durchbruch. Darin geht es um die Liebe zwischen einer jungen Türkin, die mit allen Mitteln für ihre Freiheit und ein selbst bestimmtes Leben kämpft, und einen um einiges älteren Landsmann, der sein Leben bereits aufgegeben hatte, bis er sie traf. Die kompromißlosen Figuren dieses unglaublich intensiven Liebesdramas bleiben dem Zuschauer noch lange in Erinnerung. Es ist das bisher beste Werk des Filmemachers, der damit beweist, daß er eine Eigenmarke mit Qualitätsgarantie ist. Die Erwartungen an seine nachfolgenden Projekte sind dementsprechend hoch.

Gehen wir in einen Akin-Film, erwarten wir nunmehr zwischenmenschliche Dramen, die von Menschen voller Lebenslust und Leidenschaft erzählen, die rastlos sind, die zwischen zwei oder mehr Kulturen hin- und hergerissen sind. Wir erwarten Figuren wie du und ich, deren Geschichten aus dem Leben gegriffen sind und in deren Welt wir nach nur wenigen Spielminuten förmlich hineingezogen werden, weil sie unsere eigene widerspiegelt. Mit seinen mehrfach preisgekrönten Filmen ist Akin zum Multi-Kulti-Aushängeschild des deutschen Films avanciert. Mehr noch: Mit der Leichtigkeit, mittels der er große Gefühle auf die Leinwand zu projizieren vermag, hat er sich als moderner Geschichtenerzähler etabliert.

Der Titel seines neuen Films Auf der anderen Seite bezeichnet mehr oder weniger auch das Leitmotiv seiner Vorgänger und weist hier erneut auf die Überquerung geographischer sowie kultureller Grenzen hin. Das altbewährte Muster hat wieder zum Erfolg geführt, diesmal mehr denn je. Erst jüngst wurde Auf der anderen Seite zum deutschen Kandidaten für den Auslands-Oscar ernannt. Gemäß der Devise, wo »gut« draufsteht, kann auch nur »gut« drin sein. Der Film erzählt von sechs Menschen, deren Lebenswege wie zufällig miteinander verknüpft sind. Mal ist Hamburg der Schauplatz, mal Istanbul. Es geht um drei Eltern-Kind-Paare, die sich untereinander suchen, ohne sich zu finden. Es geht um Gegensätze, die nach einiger Zeit und mit viel Verständnis akzeptiert werden. Es geht darum, hinter die Oberfläche zu schauen, sich auf das Andere einzulassen, die eigenen Lebenseinstellungen, politischen Gesinnungen sowie gesetzten Prioritäten zu überdenken. Wie erwartet, geht es also um große Emotionen auf deutsch-türkischem Boden. Aber dieses Mal fehlt etwas. Die Geschichte geht einem nicht richtig unter die Haut, die Figuren bleiben dem Zuschauer für Akinsche Verhältnisse ungewöhnlich fern, er folgt der Handlung auf Zelluloid, ohne selbst Teil der Geschichte zu werden. Man möchte fast meinen, der Film ist an seiner ihm zugrunde liegenden Programmatik gescheitert. Er kann die Erwartungen des verwöhnten Akin-Publikums nicht erfüllen. Auf der anderen Seite reicht bei weitem nicht an die Meisterleistung von Gegen die Wand heran, verblaßt förmlich im unvermeidbaren Vergleich mit dem Festivalabräumer von 2003/04.

Ein wesentlicher Grund für das mangelnde Maß an Intensität mag im Aufbau des Films liegen, der diesmal episodenartig angelegt ist. Die drei Handlungsstränge hätten ebenso für sich alleine funktioniert und wären jeweils der Länge eines abendfüllenden Spielfilms gerecht geworden. Kaum haben wir uns in eine Figur eingefühlt, wird unsere Aufmerksamkeit auf ein anderes Kapitel, eine andere Figur gelenkt. Akin wollte hier zu viel auf einmal erzählen und läßt den einzelnen Figuren nicht genügend Raum zur Entfaltung. Seine zuvor bewunderte Leichtigkeit schlägt hier leider in Beliebigkeit um. Die Anfangs- und die Schlußszene präsentieren sich unaufgeregt, unspezifisch. Der Film hätte gut und gern an jeder anderen Stelle beginnen und enden können. Die zahlreichen Wendepunkte der Episoden lassen letztendlich einen Höhepunkt innerhalb der Gesamtdramaturgie vermissen.

Dennoch: Es ist kein schlechter Film. Nur von einem Meisterwerk ist Auf der anderen Seite weit entfernt. Akin erzählt uns nichts Neues. Es fehlt das Besondere. Bis auf das wirklich eindrucksvolle Spiel von Hanna Schygulla, von deren Leinwandpräsenz der Film gegen Ende maßgeblich profitiert, sticht keiner der Darsteller heraus, brennt sich keines der vielfach angebotenen Bilder ins Gedächtnis ein.

Wir können uns derweil auf weitere Überraschungen gefaßt machen. Wie der Regisseur kürzlich in einem Interview verraten hat, wird sein nächstes Projekt, der letzte Teil der Trilogie »Liebe, Tod und Teufel«, deren Anfang Gegen die Wand machte, ein Western. Akin begibt sich also erneut auf die andere Seite. Bleibt ihm nur zu wünschen, daß seine Zuschauer mit ihm gehen, statt vor Wehmut zurückzuschauen. 1970-01-01 01:00

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