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Import Export

A 2006. R,B: Ulrich Seidl. B: Veronika Franz. K: Edward Lachman, Wolfgang Thaler. S: Christof Schertenleib. P: Ulrich Seidl Film Produktion. D: Ekateryna Rak, Paul Hofmann, Maria Hofstätter, Georg Friedrich, Susanne Lothar u.a.
135 Min. Movienet ab 18.10.07

Sinnlose Welt

Von Oliver Baumgarten Der Westen exportiert Technologie, der Osten billige Arbeitskräfte. In Westeuropa geht’s den Leuten mittlerweile so gut, daß sie unbehelligt und weitestgehend frei von Sorgen ihre Neurosen pflegen können, etwa ausgestellten Tierpräparaten regelmäßig die Zähne zu putzen. In Osteuropa hingegen geht’s den Leuten mittlerweile so schlecht, daß ausgebildete Krankenschwestern sich auf siffigen Matratzen in schäbigen Klitschen für ein paar Euro obszön vor Webcams räkeln müssen.

Ulrich Seidl, Meister der Ästhetisierung des Allzumenschlichen, kennt die Klischees natürlich gut, die wir im Westen über die Situation in Europa pflegen, und zunächst scheint es auch, als würde er sie in Import Export mit selten gesehener Brutalität bedienen: der reiche Westen, der arme Osten, hoher Lebensstandard hier auf Kosten verarmter Zustände dort. Doch die zwei Geschichten, die im Film verwoben werden, erzählen eine viel grausamere Wahrheit. Nicht die Unterschiede von Ost und West schockieren, es sind ihre Gemeinsamkeiten: menschliche Kälte, Verwahrlosung, soziales Elend, Habgier und Machtstreben hüben wie drüben. Olga und Pauli, zwei Menschen mit gehegtem Restanstand, werden jeweils in die andere Welt geworfen und finden sich doch in derselben wieder. Olga ist Krankenschwester und macht sich auf den Weg aus der Ukraine nach Österreich, um dort ein besseres Leben für sich und ihre daheimgebliebene Tochter zu ermöglichen. Zwar verdient sie dort das erhoffte Geld, doch muß sie blanken Haß, Mißgunst und permanente Erniedrigungen erdulden. Der Österreicher Pauli hingegen hat Schulden und keinen Job und nimmt notgedrungen das Angebot seines Stiefvaters an, gemeinsam mit ihm Spielautomaten in der Ukraine aufzustellen. Dort allerdings findet er genauso wenig Akzeptanz wie in Österreich – keine echte jedenfalls, sondern höchstens billig erkaufte: Für wenig Euro kniet sich hier ein Mädchen nackt auf den Boden und bellt wie ein Hund.

Import Export ist ein Panoptikum gesellschaftlichen Grauens, eine fast fatalistische Zeichnung einer Welt ohne Liebe, ohne Wärme, ohne Sinn. Ulrich Seidls Meisterschaft besteht in der Kompromißlosigkeit, mit der er seine Inszenierung ausstattet. Extreme Figuren, außergewöhnliche Situationen, öffentlich gemachte Intimitäten – all das erzählt er in kühlen, grauen Bildern und Stimmungen, die er dank gezielter Schauspielarbeit und Dokumentarfilmtechniken so realistisch wie möglich inszeniert. Die so erzielte Radikalität ist von geradezu bizarrer Anmut und Emotionalität. Wenn Seidl ein Bild aus einem Patientenzimmer der Geriatrie, in der Olga arbeitet, längere Zeit unkommentiert und unbewegt zeigt und die Zuschauer damit alleine läßt mit dem in jammervollem Ton vorgetragenen Todeswunsch einer greisen Demenzkranken, dann sind dies genau die eindrücklichen Momente, die seine Filme von jeher auszeichnen, ja, fast körperlich erfahrbar machen. Unter Einbezug inhaltlicher wie stilistischer Motive aus Seidls früheren Arbeiten (von Tierische Liebe und Models bis Der Busenfreund und Hundstage) gerät Import Export zu einem grandiosen Werk, das, Engagement und Konsequenz betreffend, im deutschsprachigen Kino zur Zeit ohne Vergleich ist. 2007-10-15 12:00

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