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10.000 B.C.

USA 2007. R,B: Roland Emmerich. B,M: Harald Kloser. K: Ueli Steiger. S: Alexander Berner. M: Thomas Wanker. P: Legendary Pictures, Mark Gordon Productions, Centropolis Entertainment. D: Steven Strait, Camille Belle, Cliff Curtis u.a.
109 Min. Warner ab 6.3.08

Meet the Flintstones

Von Oliver Baumgarten Wer daran interessiert ist, die ernstgemeinte Vision eines Filmemachers über ein mögliches menschliches Leben von vor 12.000 Jahren zu sehen, ist in Roland Emmerichs 10.000 B.C. natürlich eindeutig falsch aufgehoben und könnte sich ebensogut die Flintstones anschauen. Ähnlich historisch akurat wie sich dort nämlich Fred und Wilma einen kleinen Dinosaurier als Schoßhund halten, ziehen bei Emmerich domestizierte Mammuts für die alten Ägypter Steine die Pyramiden hinauf. Niemand würde freilich von einem kommerziellen Blockbuster historische Genauigkeit erwarten. Guter Mainstream allerdings zeichnet sich – möge er nun im Jahre 3.000 vor oder nach Christus spielen – trotz allem durch eine gewisse Glaubwürdigkeit aus. 10.000 B.C. allerdings, der ja schon im Titel auf jene Zeitebene rekurriert, in der seine Handlung angesiedelt sein soll, mangelt es an Glaubwürdigkeit, Relevanz, Inspiration und vor allem: an Atmosphäre.

Der Film scheitert bereits an der Konstruktion seines Helden. D’Leh heißt er, wohnt mit seiner Steinzeitsippe in irgendeiner unwirtlich kargen Gebirgsgegend und jagt Mammuts. Als seine Liebe von Sklavenhändlern verschleppt wird, führt ihn die Verfolgungsjagd jenseits der Berge erst in einen Dschungel, dann in die Wüste, und schließlich nach Ägypten, wo er sie findet und nach kurzem Hin und Her nicht nur sie, sondern gleich alle versklavten Völker befreien kann. Neben dieser eigenartigen Handlung, die ihm eher passiert, als daß er sie irgendwie nachvollziehbar beeinflussen würde, hat D’Leh aber noch zwei andere Probleme. Das erste heißt Steven Strait und ist sein Schauspieler. Strait spielt diesen jungsteinzeitlichen Mammutjäger wie er vermutlich auch einen jungen Broker im zeitgenössischen Manhattan spielen würde: Er bewegt sich wie man sich 2008 bewegt, er spricht wie man 2008 spricht, er umgibt sich mit dieser spröden Coolness, mit der man sich heute eben zu umgeben hat, sprich: Dieser Film verkörpert nichts als Zeitgeist und wird damit vielleicht in zwanzig Jahren aus einem historisch-soziologischen Interesse heraus konsumierbar – so etwa, wie es heute interessant ist, Senta Berger im Steinzeitfilm-Klassiker Als die Frauen noch Schwänze hatten von 1970 anzuschauen. Emmerich hat sich dazu entschieden, die Figuren modernes Englisch sprechen zu lassen, und also inszeniert er auch seine Schauspieler entsprechend. Zu einer irgendwie besonderen, geschweige denn dichten Atmosphäre allerdings trägt das nicht bei.

D’Lehs zweites Problem rückt ihn erneut in die Nähe von Fred Feuerstein: Er ist ein Weißer. Aber nicht nur das. D’Leh ist der weiße Mann, der nicht allein Mammuts und Säbelzahntiger zu bezähmen weiß, indem er ihnen die Freiheit schenkt, nein, er ist es, der alle schwarzen und sonstwie exotischen Völker eint und sie in den Krieg gegen die Araber führt. D’Leh ist als weißer Mann sozusagen der »Leader of the Free World«, der für Liebe und Gerechtigkeit gegen Tyrannei und Sklaverei vorgeht. Konservativer und einfallsloser kann man heutzutage einen Helden und dessen Welt eigentlich nicht zeichnen, selbst Fred Feuerstein würde ob solcher Flachheit beleidigt nach Wilma brüllen.

Da hilft auch die eine oder andere tricktechnische Finesse nicht weiter: 10.000 B.C. wirkt seltsam blutleer, verplappert und inkonsequent. Das Buch, das Emmerich gemeinsam mit seinem Komponisten Harald Kloser geschrieben hat, ist in allen Belangen erschreckend schwach, die Inszenierung komplett ohne Verve und Gespür. Immer wieder gibt es Momente im Film, in denen sich der Vergleich mit Apocalypto aufdrängt, der Film jenes Mannes, mit dem Emmerich einst den kraftvollen Der Patriot drehte. Und erneut zeigt sich, wie viel Mel Gibsons Konsequenz, fast Radikalität wert ist, mit der er in Apocalypto eine Welt geschaffen hat, die nicht bloß vordergründig einen Zeitgeist spiegelt, sondern die hintergründig, geradezu hinterrücks einen herben und mit Brutalität formulierten Kommentar zur gegenwärtigen Gesellschaft bereithält. Von dieser erzählerischen Energie und illustrativen Kraft Gibsons ist Emmerichs fades Family-Entertainment leider so weit entfernt wie die Steinzeit von der elektrischen Zahnbürste. 2008-03-05 16:18
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