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Walk Hard: Die Dewey Cox Story

Walk Hard. USA 2007. R,B: Jake Kasdan. B: Judd Apatow. K: Uta Briesewitz. S: Tara Timpone, Steve Welch. M: Michael Andrews. P: Apatow Productions. D: John C. Reilly, Jenna Fischer, Tim Meadows u.a.
96 Min. Sony Pictures ab 13.3.08

With a Vengeance

Von Dietrich Brüggemann Wer sich für Film interessiert, der kennt die Online-Filmdatenbank IMDb, und wer die kennt, der kennt auch die Liste der 250 besten und 100 schlechtesten Filme, sortiert nach Bewertungen der User. Erst vor wenigen Wochen konnte man beobachten, wie ein Film, der in der IMDb auf Anhieb in den letzten 100 gelandet war, wochenlang in den US-Kinocharts auf Nummer 1 stand. Es handelte sich da um Meine Frau, die Spartaner und ich, einen sogenannten Spoof, also eine parodistische Neufassung des Kinoerfolges 300. An dieser Diskrepanz könnte man ablesen, daß der Geschmack der IMDb-User doch nicht so ganz den Geschmack der Kinozuschauer abbildet. Es ist aber auch auf alle Fälle ein Signal aus einem Subgenre, das sich in den letzten Jahren entwickelt hat, ohne von der Kritik besonders gewürdigt zu werden. Seit Scary Movie gab es eine Fülle von Verarschungsfilmen, die im Lauf der Zeit ihren Fokus immer enger zogen – zunächst wurden noch ganze Genres oder alle Kinoerfolge einer Saison durch den Kakao gezogen, schließlich, wie bei Meine Frau, die Spartaner und ich, nur noch ein einziger Film.

Die Spoofs der letzten Jahre haben keinen guten Ruf. Sie gelten als doof und einer näheren Betrachtung nicht würdig. Die meisten bewegen sich aber einfach auf dem intellektuellen Niveau ihrer ernstgemeinten Vorbildfilme bzw. ihres Zielpublikums. Walk Hard ist ebenfalls eine Persiflage auf ein ganz bestimmtes Filmgenre, nämlich auf das Musiker-Biopic der letzten Jahre, er nimmt sich dabei vor allem zwei Filme zur Zielscheibe, nämlich Ray und Walk the Line, und er ist reichlich albern. Das sind die wesentlichen Merkmale eines zeitgenössischen Spoof, und wenn Walk Hard dabei vergleichsweise gut aussieht, so liegt das daran, daß seine Vorbildfilme und damit auch das Zielpublikum ein bißchen was Besseres sind. Dementsprechend war der Film auch, anders als der eingangs erwähnte Meine Frau, die Spartaner und ich, ein kommerzieller Mißerfolg, wurde aber in der IMDb durchaus wohlwollend bewertet.

Es geht um die Lebensgeschichte eines fiktiven Countrymusikers namens Dewey Cox. Sein Leben ist eine Achterbahnfahrt kreuz und quer durch die Popkultur des 20. Jahrhunderts und läßt dabei kein Klischee aus. Er hat eine traumatische Kindheit, er erfindet alle relevanten Musikstile, er hat eine große Liebe mit allen Höhen und Tiefen, er nimmt alles an Drogen, Affären und Skandalen mit, er läßt nichts aus. Wer Ray und Walk the Line gesehen hat, wird diebische Freude dabei haben – wer die Vorbilder nicht kennt, dem steht etwas weniger Spaß ins Haus, aber trotzdem gibt es einiges zu lachen, denn wie jede gute Satire ist Walk Hard eigenständig genug, um auch ohne Kenntnis des Originals lustig zu sein. Allerhand Dinge, die uns in den Vorbildfilmen als erschütternde Dramen verkauft wurden, entlarvt er höchst elegant als pathetischen Käse, und nebenher serviert er mit leichter Hand viele wundervolle popkulturelle Seitengags. Allein die Sequenz, in der Dewey Cox sich in Bob Dylan verwandelt und erst Protestsongs, später dann verrätselte Mäanderlyrik zum besten gibt, ist das Eintrittsgeld wert, seine Phil Spector-Spätphase ist ebenfalls grandios, von einem dreißigsekündigen Vorgriff auf den Punk ganz zu schweigen.

All das macht riesigen Spaß, und man kommt sich wie ein blöder Oberlehrer vor, wenn man bemängelt, daß am Ende kein richtig runder Film herauskommt. Das liegt gar nicht so an dem eng gefaßten Thema – es sind nur zwei Filme, aber Regisseur Jake Kasdan und sein Produzent und Ko-Autor Judd Apatow (der ja sowieso als der neue Komödiengeheimtip gilt) sind souverän genug, einen musikhistorischen Rundumschlag daraus zu machen. Es liegt eher am erzählerischen Tonfall, der sich die Albernheit der eingangs erwähnten Spoofs zu eigen macht, obwohl er das gar nicht nötig hätte. Walk Hard ist immer da gut, wo die Übertreibung haarscharf über die Realität hinausgeht. Wenn aber zum Beispiel Dewey Cox ab dem 14. Lebensjahr von dem Mittvierziger John C. Reilly gespielt wird, dann ist klar, daß die Reise hier eher in Richtung Nackte Kanone geht. Das ist auch ganz lustig, aber etwas subtiler könnte es vielleicht noch lustiger sein.

Walk Hard ist also ein merkwürdiger Zwitter – der Spoof eines Musikerfilms für die Gebildeteren und Intellektuellen, der aber die Stilmittel der massentauglichen Mainstreamverarschung benutzt. Damit setzt er sich als Kinofilm ein wenig zwischen die Stühle, könnte aber ein langes Leben als DVD-Kultfilm entwickeln. Potential dafür hätte er. 2008-03-10 16:04
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