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Speed Racer

USA 2008. R,B: Andy Wachowski, Larry Wachowski. K: David Tattersall. S: Roger Barton, Zach Staenberg. M: Michael Giacchino. P: Warner, Silver Pictures, Sechste Babelsberg Film. D: Emile Hirsch, Christina Ricci, Matthew Fox, Susan Sarandon, Scott Porter, Joon Park, John Goodman, Christian Oliver, Benno Fürmann, Hiroyuki Sanada, Richard Roundtree u.a.
135 Min. Warner ab 8.5.08

Anime real

Von Nils Bothmann Die Gebrüder Wachowski sind Anime-Fans – das betonten sie stets in Interviews, und auch an der Optik ihrer Matrix-Trilogie läßt sich dies ablesen. Nach dem kommerziellen Erfolg letzterer konnte sich das Brüderpaar auch einen Wunschtraum erfüllen: eine japanische Anime-Serie als Familienfilm umzusetzen, nämlich als Speed Racer.

Tatsächlich ist Speed Racer ein Werk, bei dem man schon nicht mehr von Comicverfilmung, sondern von einem Comicfilm reden will – ähnlich nahe an die Ästhetik dieses Mediums kamen sonst nur Hulk und Sin City heran. Folgerichtig ist Speed Racer die Verkörperung japanischer Anime-Ästhetik, mit allen Stärken und Schwächen. Visuell ist eine comichafte Extravaganz zu verzeichnen: gewagte Überblendungen, schnelle Schnitte, grelles Design und bonbonbunte Optik, kurzum: ein Live-Action-Anime, dessen ungewöhnliche Bilderwelten wirklich Neues bieten. Auch im Bereich Figurenzeichnung setzt sich der stark visuelle Comiccharakter fort: Bösewichte erkennt man direkt an seltsamen Frisuren und schlechten Zähnen, Sympathiefiguren sollen stets knuffig wirken. Die Namensgebung ist entsprechend, der Held heißt tatsächlich Speed Racer, seine Eltern kennt man nur salopp als Mom und Pops Racer, und der Rest der Bande trägt Namen wie Racer X, Inspector Detector oder Snake Oiler.

Soweit die Stärken des visuell wirklich beeindruckenden Films (auch die Rennszenen wirken trotz derber CGI-Überlastung noch reichlich dynamisch). Doch abseits der Piste stottert der Motor – nicht zuletzt aufgrund des Comiccharakters. Es fällt schwer, irgendeine Beziehung zu den schemenhaften Figuren des Films aufzubauen, die familiären Schicksale wirken uninteressant, allenfalls der Subplot um den Unfalltod von Speeds älterem Bruder kann noch ein wenig mitreißen. Eines ist jedoch klar: Man mag einer Vorabendserie das Fehlen von vernünftigen Charakteren verzeihen, bei rund 135 Minuten Spielfilm wiegt dieses Manko leider schon deutlich schwerer – was zig mal gehörte Dialogphrasen wie »Wenn du durch diese Tür gehst, brauchst du gar nicht erst wiederzukommen« nicht besser machen.

Da gehen die Schauspieler auch allesamt mehr oder weniger unter, Christina Ricci erkennt man mit ihren animemäßigen, auf übergroß geschminkten Augen fast gar nicht, und auch Edelsupports wie John Goodman, Susan Sarandon oder Hiroyuki Sanada können da kaum Akzente setzen. Da Speed Racer in Postdam-Babelsberg gedreht wurde, darf der cineastische Lokalpatriot über ein erhöhtes Aufkommen deutscher Darsteller jubeln. Tatsächlich hat aber nur Benno Fürmann als Inspector Detector eine größere Rolle. Ralph Herforth, Jana Pallaske und Cosma Shiva Hagen nimmt man nur am Rande wahr, und die Auftritte von Moritz Bleibtreu dauern insgesamt vielleicht 20 Sekunden.

Jedoch will Speed Racer kein Schauspielerkino, sondern Familienfilm sein, weshalb Warner auch zur Pressevorführung Schulklassen einlud. Während man im Kinofoyer noch über eine Re-Evaluierung der FSK-Freigabe als möglichen Grund für diesen Feldversuch spekuliert, drängt man sich als Rezensent in einen Saal voller mehr oder minder gut erzogener 10jähriger – willkommen im siebten Kreis der Turnbeutelhölle. Die Kinder sind hin und weg von den bonbonbunten Rennszenen, dazwischen nehmen Geräuschpegel und unflätige Kommentare jedoch deutlich zu. Allenfalls der jüngere Bruder, stets in Begleitung eines Schimpansen, ruft als potentielle Identifikationsfigur für diese Zielgruppe da noch Begeisterung hervor: Süßigkeiten klauen und Blödsinn machen, so müßte man leben – für den Zuschauer jenseits des zwölften Lebensjahres ist der Humor dann weniger komisch, stellenweise sogar wirklich nervig.

So bleiben am Ende gemischte Gefühle: Rein optisch ist Speed Racer sicher das Extravaganteste, was in letzter Zeit über die Leinwände flimmerte, Informatiker und Computervisualisten dürfen begeistert sein. Inhaltlich muß man dafür Abstriche machen und Durststrecken überstehen, wenn die Effektlawine gerade nicht rollt. »Style Over Substance«, den man irgendwie nicht komplett lieben, aber auch nicht wirklich hassen kann. 2008-05-02 14:00

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