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[Rec]

E 2007. R,B: Jaume Balagueró, Paco Plaza. B: Luis Berdejo. K,D: Pablo Rosso. S: David Gallart. P: Filmax. D: Manuela Velasco, Vicente Gil, Ferran Terraza, Claudia Font, Manuel Bronchud, Martha Carbonell, María Teresa Ortega u.a.
83 Min. 3L Filmverleih ab 8.5.08

Zombiereportage

Von Sascha Ormanns Die (wacklige) Handkamera ist in vielen Filmen ein beliebtes Stilmittel, das viele Regisseure nutzen, um den Zuschauer näher an das Geschehen heranzuführen – die Grenze zwischen außenstehendem Betrachter und Protagonisten soll so verwischen. Bereits 1995 unterzeichneten vier dänische Regisseure das Dogma 95-Manifest, das sich insbesondere gegen eine zunehmende Wirklichkeitsentfremdung im Kino richtete. Nun kann man die neuesten Versuche, Filme komplett aus der Handkamera-Perspektive zu erzählen, natürlich nicht dem Dogma 95-Konzept zuordnen: Dennoch wird durch diesen stilistischen Kniff versucht, dem Betrachter ein höchst mögliches Maß an Authentizität vorzugaukeln.

Bereits 1999 kam mit The Blair Witch Project ein Film in die Kinos, der seine Realitätsnähe in Form von Handkamera-Bildern aufbaute; die Verantwortlichen dieses Projektes versuchten – und schafften es teilweise sogar – durch gezielte und clevere PR-Maßnahmen den Kinogänger von der Echtheit der gezeigten Bilder zu überzeugen. Auch in diesem Jahr war das »virale Filmmarketing« – zumindest in den USA – erfolgreich und brachte das Pseudo-Homevideo Cloverfield hervor. Mit Jaume Balaguerós und Paco Plazas [Rec] kommt jetzt ein weiterer – in vielen Foren mit Vorschußlorbeeren versehener – Schein-Dokumentarfilm in die Kinos, der die entfesselte Kamera nun für das Zombiefilmgenre adaptiert.

In Form einer TV-Reportage für die Sendung »Während Sie schlafen« eines spanischen Senders erzählt [Rec] die Geschichte eines ungewöhnlichen und tödlichen Feuerwehreinsatzes. Protagonistin des Films, zugleich süße und vielredende Moderatorin der Reportage, ist dabei Manuela Velascos Figur Angela, über die der Zuschauer zwar wenig erfährt, was natürlich dem Filmkonzept zuzuschreiben ist. Die Einleitung von [Rec] kann wirklich überzeugen, vor allem die Reaktionen der Feuerwehrmänner auf die attraktive Moderatorin und deren Kommunikation untereinander sind vollkommen authentisch und glaubhaft. Aufgrund der Handkameraästhetik – und da wir uns in einem Zombiefilm befinden – darf nicht allzu viel Zeit verstreichen, bis [Rec] zur Haupthandlung findet: Womit wohl die insgesamt rudimentäre Zeichnung und Konstellation der Figuren erklärt sein dürfte.

In den meisten Zombiefilmen existiert eine »gesellschaftskritische Konstante«, die Gefahr geht größtenteils von den Infizierten aus, doch ist auch bei den gesunden Menschen stets eine Verhaltensänderung zu beobachten: Die Todesangst beflügelt sowohl den Überlebenstrieb als auch den Egoismus der Protagonisten. Meist verbarrikadieren sich die Nichtinfizierten vor der Bedrohung: Auch [Rec] spielt im Grunde mit diesem Prinzip, mit einer entscheidenden Neuerung: Sowohl Zombies als auch Nichtinfizierte werden hier in einem Haus unter Quarantäne gestellt, woraus sich ein zwar grausiges, aber dennoch frisches Kammerspiel-Konzept offenbart.

Im Gegenzug zu vielen Horrorfilmen arbeitet [Rec] nicht mit einem überbordenden Soundtrack, der alleine aufgrund seiner Lautstärke schockiert; das Erschrecken funktioniert hier subtiler: Vor allem durch die zielsicheren darstellerischen Leistungen, eine düstere Ausstattung, adäquates Make-Up und nicht zuletzt durch das Filmkonzept, das es trotz altbekannter Handkamera-Anmutung schafft, den Zuschauer so stark in den Film zu involvieren, ihn in die Handlung miteinzubeziehen, daß man sich in den entscheidenden Momenten tatsächlich erschreckt. Trotz vorhandener Schwächen, allen voran der christlich-theologischen »Auflösung«, wird [Rec] den Genrefan keinesfalls enttäuschen. 2008-05-08 16:38

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