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Der große Japaner – Dainipponjin

Dai-Nipponjin. J 2007. R,B: Hitoshi Matsumoto. B: Mitsuyosi Takasu. K: Hideo Yamamoto. S: Hisaya Shiraiwa. M: Towa Tei. P: Yoshimoto Kogyo Company, Real Product. D: Hitoshi Matsumoto, Riki Takeuchi, Ua, Ryunosuke Kamiki, Haruka Unabara, Tomoji Hasegawa, Itsuji Itao, Hiroyuki Miyasako, Takayuki Haranishi, Daisuke Miyagawa, Ryushin Tel, Ryôji Okamoto u.a.
113 Min. Rapid Eye Movies ab 17.7.08

Kleiner Mann ganz groß

Von Daniel Bickermann Joan Osbourne fragte einst nach den Implikationen, wenn Gott einer von uns wäre, »nur ein Fettsack wie du und ich«. Nachdem sich Hollywood in Gestalt von Bruce Allmighty mitsamt mißratenem Sequel ordentlich an diesem Thema verhoben hat, macht sich nun der japanische Komiker Hitoshi Matsumoto als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller daran, das Rätsel aufzulösen – und wählt dafür den durchaus naheliegenden Weg der Superheldenparodie. Superhelden sind schließlich die Titanen der Neuzeit, mindestens Halbgötter, derem Treiben die zunehmend entnervte Zivilbevölkerung hilflos zusehen muß. Dieser Ansatz von der unmenschlichen Moral der vermeintlich Menschlichen hat den echten Superheldenfilm (im Gegensatz zum Vigilante-Film der Batman-Prägung) schon immer zu neuen Höhen getrieben, sei es in Unbreakable, Hulk – oder demnächst in der ersehnten und erfürchteten Verfilmung des legendären »Watchmen«-Comics, der als Ursprung dieses Konzepts der moralisch gespaltenen Übermenschen gelten muß.

Matsumoto versucht sich erstmal im Kleinen, und das funktioniert noch richtig gut: Sein »Big Man Japan«, einst ein nationales Wahrzeichen, das die Wiege der Sonne unzählige Male vor allerhand haushochgroßem Ungetier gerettet hat, ist zu einer aufgedunsenen Witzfigur verkommen, die der Film in einem wunderbaren Erzählkniff mit einer Dokumentarkamera verfolgt. Diese sieht den nicht mehr ganz jungen Mann mit dem peinlichen Pagenschnitt, der inzwischen in vierter Generation die Superheldendienste verrichtet, in sozialen Zuständen vor sich hinvegetieren, die selbst Hancock die Schamesröte ins Gesicht treiben würden: In einem zugemüllten Häuschen am Stadtrand fristet er ein trauriges Arbeitslosenleben, kümmert sich um streunende Katzen und nuschelt etwas davon, daß er kurz davor steht, seine weggelaufene Frau zu überreden, wieder zu ihm zurückzukommen. Das Kamerateam kann natürlich gar nicht anders, als ihn an jeder Straßenecke bloßzustellen: Ein Treffen mit der seit Jahren entfremdeten Frau entlarvt alle Wiedervereinigungspläne als erbärmlichen Wunschtraum, die Termine bei seiner Agentin offenbaren gräßliche finanzielle Engpässe, selbst der Koch im Restaurant nebenan reagiert auf die geheime Identität seines Stammkunden mit einer demütigenden Gleichgültigkeit.

In diesem Dokumentarrealismus findet der Film eine frische Spielwiese, die er dann auch frivol abgrast: Von den Sendeterminen seiner neuesten Kämpfe, die hinter das nächtliche Shopping-TV verlegt werden, bis zur hausgroßen Unterhose, in die sich unser Held per Stromzufuhr hineinvergrößern läßt, zieht der Film alle Register der Fremdscham. Leider begeht Matsumoto aber zwischen all diesen feinen Ideen mutwillig einen epischen Fehler: Anstatt auch die Kämpfe seines unterhosenbewehrten Antihelden gegen lächerliche einbeinige Hüpf-Ungeheuer (die ebenfalls davon zeugen, daß die Goldene Zeit der Monsterbekämpfung weit in der Vergangenheit liegt) mit der grobkörnigen Handkamera à la Cloverfield aus der Forschperspektive zu verfolgen, bricht die Inszenierung mit ihren eigenen Grundsätzen und wechselt völlig unmotiviert zu extradiegetischen Ankündigungen und Text-Montagen der bevorstehenden Gegner (wie sie zum Beispiel im Fernsehwrestling gebräuchlich sind) und dann auch noch zu einer sensationalistischen, CGI-infizierten, schnell geschnittenen Vogelperspektive, die uns die Riesen-Rauferei zwischen Wolkenkratzern in allen Details zeigen will. Nur: wessen Perspektive soll das sein?

Der pseudodokumentarische Ansatz der Restszenen ist so ausschließlich, daß die drei oder vier Kampfsequenzen stilistisch völlig aus dem Film herausfallen und ihn gleich mit zum Einsturz bringen. Das für westliche Sehgewohnheiten nachgerade haarsträubende Ende, das in einer gleichgültigen Ratlosigkeit noch schnell jegliche inhaltliche oder technische Kohärenz einfach aus dem Fenster wirft, kann dann gar nicht mehr viel kaputt machen, was nicht schon verdorben wäre. Es ist schade um diesen drolligen und streckenweise durchaus unterhaltsamen Versuch einer Superhelden-Doku, aber sie war wohl von Anfang an zu halbherzig angelegt. 2008-07-11 11:59

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