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The Dark Knight

USA 2008. R,B: Christopher Nolan. B: Jonathan Nolan, David S. Goyer. K: Wally Pfister. S: Lee Smith. M: Hans Zimmer, James Newton Howard. P: Warner Bros., Legendary Pictures, DC Comics, Syncopy. D: Christian Bale, Michael Caine, Heath Ledger, Aaron Eckhart, Maggie Gyllenhaal, Gary Oldman, Morgan Freeman, Eric Roberts, Cillian Murphy, Anthony Michael Hall, William Fichtner, Michael Jai White u.a.
152 Min. Warner ab 21.8.08

Die menschgewordene Entropie

Von Daniel Bickermann Der Grund für die oftmalige Langeweile in den ersten Teilen der Superhelden-Filmreihen ist ein so offensichtliches Mißverständnis, daß man sich immer wieder wundert: Haben die Macher noch nichts von der filmwissenschaftlichen Bauernweisheit gehört, daß ein Held nur so glamourös ist wie sein Gegenspieler? Indem sich Ang Lees Hulk, Sam Raimis Spider-Man, aber auch Christopher Nolans Batman Begins auf die (oft nicht gerade tiefgründige) Psychologie und den Gründungsmythos ihrer Helden konzentrierten, die zum Aufwärmen nur gegen Nebenbösewichter antreten durften, nahmen sie ihrer Franchise zu Beginn viel Wind aus den Segeln, die sie erst im zweiten Teil endlich ordentlich aufblasen konnten.

Nolans The Dark Knight (der in einer absurden Fan-Aktion bei der imdb an The Godfather vorbei an die Spitze der besten Filme aller Zeiten gewählt wurde) beweist, daß die beiden Aspekte gar nicht voneinander zu trennen sind: Die wahre psychologische Analyse findet nicht in dem Moment statt, da der Held sein Karnevalskostüm überstreift, sondern wenn ein ebenbürtiger Antagonist es ihm gleichtut. Nolan verwendet dafür in The Dark Knight plötzlich Motive aus Frank Millers »Batman: Year One«, die man eher im Vorgängerfilm erwartet hatte, gleichzeitig denkt er den Ansatz des berühmten Comic-Autors geschickt weiter: Miller reflektierte in »Year One« und vor allem in seinem legendären Batman-Standardwerk »The Dark Knight Returns« Batmans Motivation für seine Themenpark-Maskierung. Er fand sie in der irrationalen Furcht der Menschen vor dem abstrakten Symbol und vor der Regellosigkeit des Vigilante, der sich jenseits aller gesetzlichen und persönlichen Grenzen bewegen kann und somit (im Gegensatz zur korrupten und trägen Polizei) für die Verbrecher unberechenbar bleibt. Doch erst mit Heath Ledgers kongenialem Joker, dieser ursprünglich lächerlichen Schießbudenfigur, macht diese Welt der absurden Maskierungen Sinn. Er ist deswegen der perfekte Gegenspieler, weil er Batmans eigene Stärken übertrifft: Sein Symbolismus ist noch konsequenter, seine Unberechenbarkeit weitaus drastischer. Gemeinsam erreichen die beiden jenes seltene Yin-Yang-Verhältnis der sich gegenseitig bedingenden Extreme, nach denen so viele Filme vergeblich streben. Es ist die rasanteste Amour fou zweier Anarchisten seit Tim Burton in Batman Returns die Batman/Catwoman-Konstellation als sadomasochistische »Penthesilea«-Variante umgedeutet hat.

Man kann über Jack Nicholsons filmsprengende Joker-Darstellung anno 1989 sagen, was man will, aber sein Joker war zielstrebig, hatte Pläne und Wünsche, war letztlich noch immer ganz Mensch und als solcher fest eingebunden in die Sozietät der Unterwelt. Ledgers Joker dagegen ist ein Wesen von radikal anderer Prägung: Eingeführt wird er bei einer ulkigen kleinen Bankraub-Variante, dessen größte Überraschung in den ständigen Improvisationen des Bösewichts lauert; und auch später verfolgt er keine anderen Ziele, als die Welt auf den Kopf zu stellen. So bleibt er selbst den Verbrechern ein furchterregender Vigilante, eine paradoxerweise unaufhaltbare Ein-Mann-Armee, dessen irrwitzige Ziellosigkeit ihn ständig unverwundbar macht. Ohne eigenen Gewinn macht er in seinen perfiden Spielchen Opfer zu Tätern und Täter zu Opfern, und nicht selten werden dabei die niederen Instinkte der Einwohner von Gotham zu seinem besten Komplizen – wie eine intellektuelle und gesellschaftsübergreifende Variante des Saw-Killers, nur mit einer herrlich skurrilen Körperlichkeit und einer perfiden Freude an der planlosen Improvisation.

Ledgers Joker wurde in den USA des öfteren als Terrorist bezeichnet, was auch das Filmplakat nahelegt, auf dem eine brennende Schneise in Form des Batman-Zeichens in einem Wolkenkratzer zu sehen ist – eine Ikonographie, die politisch einigen Sprengstoff mitbringt. Die Terrorismustheorie ist reizvoll, gerade in ihren Parallelen der Instrumentalisierung menschlicher Grundängste und Instinkte. Und doch greift dieser Vergleich nicht weit genug. Ledgers Joker ist weder Selbstmordattentäter noch Mephisto oder gar Eulenspiegel, vielmehr ein pervertierter Nietzscheanischer Übermensch, der allein nach der Umwertung aller Werte strebt: die menschgewordene Entropie. Entsprechend ist er weder am eigenen Überleben noch an Geld oder Macht interessiert, sondern allein an der Unterhaltung, die seine Eskapaden abwerfen. Daß sich diese Unterhaltung auf pervertierte Art und Weise auch auf den Zuschauer überträgt, der damit gleich doppelt in eine schizophrene Identifikationsfalle zwischen Pro- und Antagonist geht, ist ein seltenes Kunststück.

Der größte Streich des Films ist aber wohl, daß die Joker-Figur identitätslos bleibt – in einer brillanten Parodie auf die gängige Hollywood-Küchenpsychologie spielt er sogar mit einer ganzen Handvoll verschiedener Autobiographien. Tatsächlich definiert er sich allein über die Beziehung zu seinem gesellschaftsfernen Zwilling und moralischen Gegenstück, dem Fledermausmann. Dieser wiederum reagiert auf den Angriff mit seinen eigenen Waffen erwartet hilflos: Eine Aufrüstung der Militärtechnologie bleibt angesichts des blanken menschlichen Wahnsinns seines Antagonisten ebenso wirkungslos wie alle noch so rational durchdachten Fallen und Angriffe. Der Protagonist ist nicht nur besiegt, sondern in seiner Methodik und seiner ganzen Existenz auch ad absurdum geführt.

Und da kommt der einzige Haken des bis dahin durchgehend beeindruckenden Drehbuchs. Denn genau hier wäre der konsequente Gedankengang zu Ende und The Dark Knight perfekt und rund – wenn auch grauenhaft und nihilistisch. Doch dem Film geht die Komplexität seiner Thematik nicht bis ins letzte Mark. Gerade der dramaturgische Aufbau mit Einleitung, Eskalation und Showdown bleibt für Nolan erstaunlich konventionell, nur daß der Film im Schnelldurchlauf durch die Stationen hetzt, um auch ja keine seiner zwei Dutzend Figuren aus den Augen zu verlieren. Die Szenen mögen allesamt keinen festen Schauplatz mehr haben und stattdessen per Telefongespräch, Lautsprecher oder schlichter Simultanität der Ereignisse an vier oder fünf Orten gleichzeitig stattfinden, eine wirklich innovative Art der Erzählung entsteht dadurch aber noch nicht.

Hätte Nolan sein Konzept bis zum Ende durchgedacht, hätte er den Film nach 120 Minuten, eine halbe Stunde früher also, in seinem finstersten Moment beendet. Vielleicht, wie Arthur Conan Doyle einst einen großen Antagonistenknoten durchschlug, mit einem gemeinsamen Sprung in die Reichenbachfälle; vielleicht auch einfach mit der Einsicht des Helden in die Unmöglichkeit des Kampfes gegen das eigene Spiegelbild. Dann hätte sich The Dark Knight keine Sorgen machen müssen, auf der imdb-Bestenliste an The Godfather vorbeizukommen – dann wäre er auf Augenhöhe mit dem The Godfather 2 gewesen und jenseits aller Kritik. So aber hat Nolan lieber den erfolgreichsten statt den besten Film aller Zeiten gedreht, eine immerhin ausgezeichnet inszenierte und teilweise begnadet gespielte Achterbahnfahrt, die sich von den bleischweren Themen, die sie im Herzen trägt, nicht herunterziehen läßt. Der Regisseur ist klug, aber gegen besseres Wissen Optimist. 2008-08-18 11:59

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