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1968 Tunnel Rats

CDN/D 2008. R,B: Uwe Boll. B: Dan Clarke. K: Mathias Neumann. S: Karen Porter. M: Jessica de Rooij. P: ZenHQ, Boll Kino Beteiligungs GmbH, Tunnel Rats. D: Michael Paré, Wilson Bethel, Mitch Eakins, Erik Eidem, Brandon Fobbs u.a.
96 Min. Kinostar ab 13.11.08

Sag mir, wo die Nudeln sind

Von Carsten Tritt Es gibt einen Moment, der absolut großartig ist: Eine kaum beleuchtete, minutenlange ungeschnittene Einstellung, in der sich ein US-Soldat durch eine enge Tunnelröhre zwängen muß, die von einem getöteten vietnamesischen Kollegen blockiert wird; eine Szene, in der sich Bolls handwerkliche Unzulänglichkeit plötzlich in verstörendes Experimentalkino verwandelt. Die restlichen anderthalb Stunden über schlecht vorbereitete Soldaten, die in Löcher im Dschungelboden klettern, um sich abschlachten zu lassen, kann man hingegen vergessen. Bemerkbar ist vielleicht, wie der Billigfilmer Einstellungen des vermutlich für einen Tag angemieteten Hubschraubers Minute um Minute streckt, um Production Value zu zeigen, oder, um am Drehbuch zu sparen, auf geschriebene Dialoge verzichtet und seine Darsteller improvisieren läßt – eine klassische Technik des B-Films, ich zitiere dazu mal Produzentenlegende Erwin C. Dietrich aus einem alten »Splatting Image«-Interview: »Es waren alle Leute damals in unseren Filmen synchronisiert. […] Wir haben […] später einfach den Text den Leuten in den Mund gelegt. Wir hatten damals eine ganz besonders talentierte Frau, die das konnte.« Wobei es der von Dietrich gemeinten Christel Lembach nicht passiert wäre, das Gestammel schlecht geführter Darsteller einfach uninspiriert ins Deutsche zu transkribieren, so daß Zeilen wie »Da. Da. Da.« für Tunnel Rats typisch werden.

Mit seinen rund drei Kinofilmen pro Jahr ist Vielfilmer Boll ein Wiedergänger jener untergegangenen Ära, als es noch Bahnhofs- und Dorfkinos gab, in denen schnell produzierte Obskuritäten abgenommen wurden. Noch bis in die 1980er schufen Enzo Girolami Castellari und Antonio Margheriti mit routinierter Technik und Improvisationstalent auf solche Art wunderbares Genrekino, und selbst bei manch mindertalentiertem Regisseur wie Bruno Mattei waren die Ergebnisse zumindest komisch. Bolls Film ist bis auf die anfangs erwähnte Szene nur ein schlecht gemachtes Nichts, das nicht einmal als Trash taugt – das aber den Rezensenten in drei wichtigen Gedanken festigte: Erstens sollte jeder in seinem Leben mindestens einen Bruno Mattei-Film gesehen haben, am besten natürlich Libidomania. Zweitens wird es endlich Zeit, Christel Lembachs Schaffen angemessen zu würdigen – sie war es übrigens auch, die aus dem um bayerische Rammelszenen ergänzten US-Softsexmüll Django Nudo und die lüsternen Mädchen von Porno Hill eines der größten Meisterwerke der Synchrongeschichte formte. Und zuletzt: Uwe Boll ist ein letzter Nachfolger einer faktisch schon ausgestorbenen Art des Filmemachens – allein deshalb möge er noch lange leben und soll er noch viele Filme machen, man muß sie sich ja nicht auch noch anschauen. 2008-11-10 11:58

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #52.

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