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88 – Pilgern auf Japanisch

D 2008. R,B,K: Gerald Koll. S: René Perraudin. M: Arpad Bondy. P: Gerald Koll Film.
88 Min. Edition Salzgeber ab 13.11.08

Scheitern als Chance

Von Werner Busch Aus der Pressemitteilung des Filmbüros Mecklenburg-Vorpommern vom 8.12.2006: »Bezeichnung des Projektes: ‚henro boke – pilgern auf japanisch’. Name der Antragstellerin, des Antragstellers: Gerald Koll. […] Kurzinhalt: Rund um die japanische Insel Shikoku führt ein buddhistischer Pilgerweg von 1.400 Kilometern, vorbei an 88 Klöstern. Auf dem Weg, heißt es, verwandelt sich die physische Landschaft in eine spirituelle. Der Dokumentarfilm möchte dem Einsinken ins Pilgerdasein, dem sog. ‚henro boke’ auf die Spur kommen – ein Selbstversuch.« Völlig allein, ohne Team oder Begleiter, macht sich der Journalist Gerald Koll nun im Frühjahr 2007 (Kirschblüten, richtig) auf den Weg nach Japan. Im Rucksack eine Videokamera, mit der er seinen wochenlangen Fußmarsch auf dem Shikoku-Pilgerweg dokumentieren möchte. Erlesen schöne Landschaftsbilder wechseln mit aus der Hüfte geschossenen Aufnahmen, die man aus einem Urlaubsvideo herausgeschnitten hätte.

Wie in Gerald Kolls Pitch beschrieben, ist 88 – Pilgern auf Japanisch ein Selbstversuch. Kann die strapaziöse, physische Reise auch zu einer inneren Reise führen? Wie gleich zu Beginn des Films eine Texttafel verrät, leitet sich das Wort »Pilger« vom lateinischen »peregrinus«, zu Deutsch: »Fremder«, ab. Wie also könnte ein Pilger mehr Pilger sein, denn als Fremder in einem fremden Land wie Japan? Auf einem Pilgerweg, auf dem er während sieben Wochen Pilgerfahrt nur einen Nicht-Japaner trifft. Wegmarkierungen und Karten sind allesamt in den fremden, unentschlüsselbaren Schriftzeichen verfaßt. »1.300 Kilometer […] eine ganz schöne Strecke. Besonders wenn man sich andauernd verläuft. Täglich, eigentlich stündlich. […] Wenn ich bloß irgendwas oder irgendwen verstehen könnte«, beschwert sich Koll in seinem Off-Kommentar. Ideale Vorraussetzungen also für einige erhellende Einblicke in das Wesen des Pilgerns. Und vielleicht hätte Koll sich tatsächlich auf eine erhellende Pilgerschaft begeben, wenn er nicht gleichzeitig eine Dokumentation hierüber zu erstellen versucht hätte.

Es ist wie in der Quantenmechanik: Der Beobachter verändert das System, das er betrachtet, indem er es betrachtet. 88 – Pilgern auf Japanisch ist ein makroskopischer Doppelspaltversuch. Koll kann sich nicht auf eine mentale Reise begeben, weil er viel zu sehr damit beschäftigt ist, sich beim Versuch hierzu mit der Kamera festzuhalten. Dies wird auch Koll selbst nach den ersten Tagen klar. Bemerkenswert ist nun, daß er eben dieses Problem im Film thematisiert: Koll geht ruhigen Schrittes eine Straße hinunter, die Kamera ruht in Bodenhöhe, beinahe ist er schon hinter der Hügelkuppe verschwunden, als er sich plötzlich umdreht und mit seinem schweren Gepäck zur Kamera zurück läuft, um diese wieder aufzuheben. Dieses Bild bleibt hängen. Später sehen wir ihn einen steilen Dschungelpfad hinaufsteigen, doch der Zuschauer denkt nun gleichzeitig nur noch daran, daß er bald nach dem Schnitt zur nächsten Einstellung wieder heruntergehen mußte, um die Kamera zu nehmen und ein weiteres Mal den steilen Hang hinauf steigen mußte, nun wieder als Pilger. »Kaum bin ich Pilger, schon überlege ich, wie ich das vermitteln kann. Filme ich, denke ich: Eigentlich bist du doch Pilger. Fatal. Die Kamera verändert die, die mit mir sprechen, mich selbst auch. […] Was dokumentiert sie schon anderes, als den hilflosen Versuch zu dokumentieren?«

88 – Pilgern auf Japanisch ist ein Film über das Scheitern eines Films. Leider führt Koll aber diese Idee nicht zuende. Die Problematiken, gleichzeitig vor und hinter der Kamera zu stehen und das Infragestellen der Authentizität des dokumentarischen Bildes, tauchen nur in wenigen Szenen auf. Erzählerische Hilfskonstruktionen wie die Rosebud-Suche nach der Bedeutung des Begriffes »henro boke« oder eine abstruse, völlig unglaubwürdige Epiphanie, die ihn vor dem letzten Tag seiner Reise in einer einsamen Hütte überkommen haben will, werden herangezogen, um von der ursprünglichen Filmidee in der Endbearbeitung noch etwas zu retten. Hier scheitert der Film auf anderer Ebene erneut.

Doch der Slogan einer Schlingensief-Aktion, »Scheitern als Chance«, greift hier tatsächlich. In Verbindung mit dem durchaus kauzigen Protagonisten entwickelt der Film ganz eigene Qualitäten. Wie in einem Videotagebuch spricht Koll Monologe in die Kamera, beschwert sich über die Banken, die seine Karten sperren oder darüber, daß er nicht in einem Tempel übernachten durfte, weil: »Das hätte mehr was vom Pilgerdasein, glaub’ ich.« Sein Versuch, einem Japaner auf englisch einen Witz zu erzählen, ein wahrhaft denkwürdiges Telefonat mit seiner Freundin in Deutschland (»Faktisch betrachtet hatten wir ja noch nicht mal mehr Sex… also jedenfalls nicht viel…«), mehrere unattraktive Fußpflegen in Großaufnahme und ein atemlos vorgetragenes »Das Wandern ist des Müllers Lust« im einsamen Bambuswald, sind nur einige der unterhaltsam-skurrilen Momente in diesem Film.

88 – Pilgern auf Japanisch ist nicht das, was es sein soll. Und genau deshalb ist es ein recht unterhaltsamer, sympathischer Film geworden. Koll ist dabei keineswegs ein Opfer seiner selbst, das ausschließlich unfreiwillige Komik entfaltet. Die Fehler seines Films wie auch seine menschlichen Bedingtheiten stellt er häufig und gezielt zur Schau. Auf den Wegen der Erkenntnis wandert der Zuschauer mit diesem Film nicht, wohl aber zu der Frage, ob der Weg der Unvollkommenheit zu ihrem Gegenteil führt. 2008-11-12 13:20
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