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35 Rum

35 rhums. F/D/B 2008. R,B: Claire Denis. B: Jean-Pol Fargeau. K: Agnès Godard. S: Guy Lecorne. M: Tindersticks. P: Pandora, Soudaine Compagnie. D: Alex Descas, Mati Diop, Grégoire Colin, Nicole Dogue, Julieth Mars-Toussaont, Ingrid Caven u.a.
105 Min. RealFiction ab 5.3.09

In Bewegung

Von Tamara Danicic Früher oder später kommt der Moment, in dem Eltern ihre Kinder ziehen lassen und die Kinder gleichzeitig lernen müssen, ohne die Nestwärme des Elternhauses auszukommen. Die Weichen werden dann für beide Seiten neu gestellt. Der alleinerziehende farbige Immigrant Lionel und seine Tochter Joséphine wissen, daß diese Weichenstellung kurz bevorsteht. Doch beide zögern, den unausgesprochenen Zusammenhalt aufzukündigen. Ihre Wohnung in einer Pariser Vorstadt (die so überhaupt nicht dem Klischee einer nachlässig und geschmacklos eingerichteten, ärmlichen Immigrantenbehausung entsprechen will) ist für sie mehr als nur ein geteiltes Dach über dem Kopf. Ein Heim. Und die Nachbarn Noé, den nur noch Joséphine und seine altersschwache Katze in der Wohnung seiner verstorbenen Eltern zu halten scheinen, sowie die Taxifahrerin Gabrielle, die seit Jahren rettungslos in Lionel verliebt ist, gehören quasi zur Familie. Als Noé verkündet, die Wohnung verkaufen und nach Gabun auswandern zu wollen, wird Joséphine schlagartig klar, daß es auch für sie Zeit wird, den nächsten Schritt auf ihrem Weg zu machen.

In der wundervollen Anfangsszene des Films blickt die Kamera vom Fahrerhäuschen eines Vorortzuges aus minutenlang auf die vorbeiziehenden Schienen, verschwindet im Tunnel und taucht schließlich langsam in die Nacht ein. Lionel, selbst Zugführer, steht unterdessen rauchend in der Nähe der Gleise und beobachtet die Schienenlandschaft vor sich. In einem der Züge ist auch seine Tochter unterwegs. Daß sich diese Szene auch als Vorwegnahme einer bevorstehenden Trennung lesen läßt, begreift man erst im Nachhinein. Wie überhaupt 35 Rum voller kleiner Metaphern und Symbole steckt, die jedoch ohne große Geste in den präzise beobachteten Alltag der Figuren eingeflochten werden.

Das Bild der Reise, der »passage«, ist dabei zweifellos von essentieller Bedeutung. Alle sind ständig unterwegs – Lionel in seinen Vorortzügen, Gabrielle in ihrem geliebten Taxi, der ständig beruflich in der Weltgeschichte herumgondelnde Noé sowieso. Für Lionels Kollegen René, der sich gerade in den Ruhestand verabschiedet hat, sind die täglichen kleinen Reisen gar so unentbehrlich geworden, daß er ohne sie jeden Sinn im Leben zu verlieren glaubt. Nur Joséphine verläßt ihre kleine Welt lediglich in Gedanken, wenn sie sich im Rahmen ihres Studiums etwa mit der Ausbeutung der armen Länder im Süden durch die reichen Staaten des Nordens auseinandersetzen muß. Einmal startet sie zusammen mit ihrem Vater, Noé und Gabrielle zu einem »Familienausflug«. Ziel ist ein Konzert, doch endet die gemeinsame Reise irgendwo unterwegs, als Gabrielles Taxi plötzlich den Dienst versagt. Die vier stranden in einer kleinen Bar, ein sinnlicher Paarfindungstanz beginnt, und fast unmerklich werden hier, beim Tanzen, Weichen gestellt.

Noch eine letzte gemeinsame Reise steht Vater und Tochter bevor – nach Lübeck, ans Grab von Joséphines verstorbener Mutter, und ans Meer, wo Lionel offenbar einst glückliche gemeinsame Tage verlebt hat. Jetzt erst sind die beiden bereit, sich gegenseitig ziehen zu lassen. Die Zeit ist reif für 35 Rum. 2009-02-27 13:27
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