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Stellet Licht

Stellet licht. MEX/F 2007. R,B: Carlos Reygadas. K: Alexis Zabe. S: Natalia López. P: Mantarraya Producciones, No Dream Cinema, Bac Films, Motel Films. D: Cornelio Wall, Maria Pankratz, Miriam Toews, Peter Wall, Jacobo Klassen, Elizabeth Fehr u.a.
145 Min. Peripher ab 2.4.09

From Dawn till Dusk

Von Friederike Horstmann Zu Beginn ist die Leinwand finster; dann funkeln einige Sterne am nächtlichen Firmament. Bedächtig fährt die Kamera den Sternenhimmel ab. Mit einer unglaublichen Langsamkeit verfärbt sich der Himmel in der Morgendämmerung glutrot – durchzogen von gelben und blauen Schwaden. In einer steppenartigen Landschaft werden hohe Bäume mit gewaltigen Kronen sichtbar. Zögerlich bewegt sich die Kamera Richtung Licht. Schließlich weicht der glühend schillernden Morgenröte die Helligkeit des Tages. Dem Heraufglühen der Farben entspricht die ansteigende Geräuschkulisse: In das nächtliche Grillenzirpen mischen sich allmählich Stimmen von Vögeln, von Kühen. Während des Tagesanbruchs dringen Bild und Ton zunehmend aus der Dunkelheit, kommen zu sich, gewinnen an Kontur. Farben, Licht und Geräusche werden hier gleichberechtigt zu einer Komposition zusammengefügt.

Dann plötzlich: der erste Schnitt. Der symmetrische Bildaufbau zeigt eine alte hölzerne, laut tickende Wanduhr, deren Pendel gleichförmig vor sich hin schwingt. In nahezu statischen Bildern erfaßt die Kamera eine Familie, die mit gesenktem Haupt und geschlossenen Augen am Tisch sitzt. Ein Mann in weißem Hemd und blauer Latzhose, eine Frau im einfach geblümten dunklen Kleid, ein schwarzes Kopftuch tragend. Ein halbes Dutzend blonder Kinder, die Mädchen streng gescheitelt mit geflochtenen Zöpfen. »Amen« bricht das Schweigen, beendet das Tischgebet. Die Mahlzeit beginnt, Geschirr und Teller klappern. Alles wirkt auffallend altmodisch, wie aus einer anderen Zeit, die Kleidung, die Blümchentapete, die Rüschengardinen, der Mann, die Frau, ihre Kinder – ihr Leben nach Riten und Regeln. Nachdem seine Familie den Tisch verlassen hat, steht auch der Mann auf, hält die Wanduhr an, setzt sich wieder. Während sich die Kamera langsam seinem Gesicht nähert, bricht er in Tränen aus.

In langen Einstellungen legen die Bilder die Geschichte frei. Carlos Reygadas setzt eine bekannte Figurenkonstellation in Szene: Ein Mann, zwei Frauen, er steht zwischen ihnen, zwischen seiner Familie, seiner Geliebten – zwischen seiner Liebe, seinen Schuldgefühlen. Der Film hingegen nimmt sich eine ungewöhnliche Muße, Worte zu hören, Räume und Gesichter zu erkunden, in Landschaftstotalen und Großaufnahmen. Durch ihren sparsamen Gebrauch erscheint auch die Sprache wie in Großaufnahme. Sätze hängen in der Luft, bekommen Volumen, füllen den Raum. Unendlich langsam umkreist die Kamera das Geschehen, sie sieht zu und rührt die Dinge kaum an, sie läßt sie gewähren. Selbst in Nahaufnahmen wahrt sie Distanz. Die starren, sorgfältig komponierten, oftmals symmetrischen Einstellungen verleihen dem Erzählrhythmus eine erstaunliche Langsamkeit. Geradezu tableauhaft tragen sie in sich die Tendenz der Entschleunigung – als wollten sie die Handlung zum Stillstand bringen. Durch diesen Rhythmus wird der Film zur Tragödie.

Stellet Licht erweckt oft den Eindruck, aus der Welt gefallen zu sein: Die alltäglichen Verrichtungen der streng mennonitisch lebenden Bauern, die sich moderner Technologie verweigern, ihr altertümliches Plattdietsch. Reygadas drehte in der weiten und wenig besiedelten Landschaft Nordmexikos, benutzte nur Originalton und natürliches Licht und setzte Laiendarsteller ein. In deren Verhalten mischt sich spröde Wortkargheit mit unmittelbarer Präsenz und fördert so Unerwartetes zutage. Vor allem die Bewegungen der Frauen sind gemessen, nahezu statuarisch, ihre von Kopftüchern gerahmten Gesichter von einer herben Madonnenhaftigkeit.

Immer wieder setzt Reygadas durch die Montage Familien- gegen Liebesglück: Hastig folgt die Kamera den raschen Schritten durch Gräser und Blumen, um dann bei den Füßen der Geliebten zu verharren. Der ungewöhnlichen Begegnung auf dem Erdboden folgt die ihrer Münder – minutenlang mit Lichtreflexe der Linse – dem Kuß auf dem Feld eine familiäre Badeszene in idyllischer Flußlandschaft.

Reygadas zeigt Unversöhnliches, eine Tragödie – und ein Wunder. Stellet Licht zerfällt in zwei Geschichten, eine wahrscheinliche und eine unglaubliche. Zuerst inszeniert Reygadas einen tieftragischen Tod an gebrochenem Herzen und schließlich am Ende des Films ein Wunder: Reygadas weckt im Kino Tote auf, ein Ereignis, herausgenommen aus dem Rahmen aller Interpretierbarkeit, eine Lücke in der Kausalkette, ein Schlupfwinkel der Metaphysik, für Sehnsucht nach zeitlosen Augenblicken. In Diesseitigkeit wird über Dinge gehandelt, die nicht nur als übernatürlich, sondern auch als nicht darstellbar gelten.

Zum Schluß des Films dämmert das Abendlicht. Es wird dunkel, im Himmel leuchten die Sterne. Zwischen Sonnenaufgang und ihrem Untergang, zwischen spiegelbildlichen Einstellungen, zeigt Carlos Reygadas Bilder von wunderbarer Schönheit, aus denen die unmittelbare Präsenz der Dinge aufscheint. Seine strengen Bildkompositionen, sein Insistieren auf lange Einstellungen und langsame Kamerafahrten markieren nur umso nachdrücklicher den Punkt, die Grenze, an der die Imagination nach ihrem Recht verlangt. 2009-03-26 10:04
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