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Secret Sunshine

Milyang. ROK 2007. R,B: Lee Chang-dong. K: Cho Yong-kyou. S: Kim Hyun. M: Christian Basso. P: Cinema Service. D: Jeon Do-yeon, Song Kang-ho, Jo Yeong-jin, Kim Mi-kyung, Kim Yeong-jae, Seo-hie Ko, Myeong-shin Park, Jung-yeop Seon u.a.
142 Min. Rapid Eye Movies ab 16.4.09

Meine Haut wie eine Grenze

Von Werner Busch Das südkoreanische Drama um die alleinstehende junge Mutter Shin-ae, die ihr Kind durch ein Gewaltverbrechen verliert, ließe sich auch ohne weiteres als ungewöhnlicher Kriminalfilm charakterisieren. Obwohl der Täter schnell gefaßt wird, bleiben Zweifel. Regisseur Lee Chang-dong versteht es gekonnt, durch kleine Andeutungen ein Gefühl von Ungewißheit an seiner vermeintlich einfachen Geschichte zu erzeugen. Über die gesamte Laufzeit von immerhin 142 Minuten gönnt sich der Film nur zu Beginn etwas Leerlauf, im übrigen wird die Handlung durch eine fesselnde Dramaturgie trotz weiterhin ruhigen Grundtons, zielsicher vorangetrieben. Das Schöne an Secret Sunshine ist nun, daß diese Kriminalhandlung völlig unwesentlich ist. Der Film stellt die Frage, ob es der Kampf, den man gemeinhin Leben nennt, überhaupt wert ist, gefochten zu werden.

Es ist nicht verwunderlich, daß Schauspielerin Jeon Do-yeon in Cannes und bei einer Reihe asiatischer Festivals als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde. Shin-ae bietet ihr die Möglichkeit, die gesamte Klaviatur menschlicher Gefühlsregungen zu spielen: Freude, Angst, tiefe Trauer, Gelöstheit, Euphorie, Wahnsinn. Doch all diese totgeredeten Worte und insbesondere auch Begriffe wie »Liebe«, »Trauer«, »Schmerz« und »Glück« erhalten für uns durch die Bilder und die Geschichte von Secret Sunshine eine neue, frische Bedeutung, eine neue Wichtigkeit.

Dies erreicht der Film durch eine Neudefinition unseres Blicks auf Alltägliches und vermeintlich Vertrautes, denn die Geschichte fordert vom Zuschauer ein genaueres, anderes Hinsehen. Wie Shin-ae, die nach dem Tod ihres Sohnes neue Bedeutung in und für ihr Leben finden muß, ist auch der Zuschauer dazu angehalten, in den unaufgeregten Bildern des Films Bedeutung zu finden. Aus der Oberfläche des Gezeigten, des Augenscheinlichen, treten zunehmend tieferliegende komplexe Fragen in den Vordergrund.

Secret Sunshine ist also nur vordergründig die Geschichte des Leidensweges einer Frau. Die Handlung wie auch der Ort sind lediglich eine Möglichkeit, den Zuschauer zu einem übergeordneten Konflikt zu führen: Das Gegenüber vom Menschen als fühlendes Wesen, dem Innen und einer (vielleicht) nicht-fühlenden Natur, dem Außen. Es ist der Konflikt einer Entfremdung von der Welt, einer Barriere, die sich zwischen das Innen und das Außen schiebt, versinnbildlicht bereits in den ersten beiden Einstellungen des Films, in denen das Kind aus der Sicherheit des Autos nach draußen, in den Himmel, in den Sonnenschein blickt. Ist dieses Außen überhaupt »etwas«? Wenn ja, ist es Gott, wie Shin-ae schließlich zu glauben beginnt? Oder versteckt er sich vielleicht darin? Solche und ein ganzes Spektrum weiterer artverwandter, existentieller Fragen entfächern sich dank dieses Films im Kopf des Zuschauers auch noch lange nach dem Abspann.

Trotz der dramatischen Ereignisse im Film und der daraus hervortretenden Bedeutungsschwere auf der Metaebene, finden sich in Secret Sunshine auch eine ganze Reihe leichter und sogar komödiantischer Szenen. Für letztere zeichnet insbesondere die Figur des Junggesellen Jong-chan verantwortlich, dessen nimmermüde Anbandlungsversuche bei Shin-ae und seine dabei gezeigte, scheinbar grenzenlose Geduld ihn zu einer komischen Figur machen. Drehbuch und Darsteller Song Kang-ho, bekannt aus einigen Filmen von Park Chan-wook, schaffen es aber, auch dieser Figur trotz ihrer permanenten Selbsterniedrigung Würde und Ernsthaftigkeit zu verleihen.

Regisseur Lee Chang-dong hatte sich mit nur drei Filmen, insbesondere mit dem in Venedig gefeierten Oasis aus dem Jahr 2002, zu einem der profiliertesten Regisseure Südkoreas entwickelt. Da er kurz darauf dem Ruf ins Amt des Kulturministers von Südkorea folgte, verzögerte sich die Produktion des nun auch in Deutschland erscheinenden Secret Sunshine, der eindrucksvoll sein ungebrochenes Können als feinfühliger Regisseur und Drehbuchautor illustriert. Der Film ist eine sehr zarte und vorsichtige Liebeserklärung an eine Welt voller Schmerz, Enttäuschung und Zurückweisung, ein überaus kluger und herausragend inszenierter Film, der für den Zuschauer zu einer fesselnden und nachhaltigen Filmerfahrung wird. Trotz all der Feindlichkeit des uns gegenübergestellten Außen, findet sich irgendwo zwischen, über und in den Bildern dieses Films die Gewißheit, daß dort Hoffnung ist. Oder wie Thelonious Monk sagte: »It’s always night, or we wouldn’t need light.«
2009-04-15 10:46

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