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Die Besucherin

D 2008. R,B: Lola Randl. K: Philipp Pfeiffer. S: Natali Barrey. M: Maciej Siedzlecki. P: COIN Film. D: Sylvana Krappatsch, André Jung, Jule Böwe, Samuel Finzi, Isabel Metz, Holger Stolz, Thomas Pohn, Philipp Neubauer u.a.
104 Min. Filmlichter ab 14.5.09


Leben auf Miete

Von Arezou Khoschnam Agnes führt ein Leben, das man gemeinhin als erfüllt bezeichnen würde. Sie arbeitet erfolgreich als Wissenschaftlerin, hat einen liebenden Ehemann, der als Krimiautor genügend Zeit hat, zu Hause auf die gemeinsame Tochter aufzupassen und zu kochen, während sie im Institut ist. Dennoch ist ihr eine tiefe Unzufriedenheit anzumerken, deren Ursprung der Zuschauer nicht kennt. Ihr Leben nimmt eine schlagartige Wendung, als sie von ihrer Schwester die Schlüssel zu einer ihr fremden Wohnung erhält. Fortan sucht sie die Wohnung immer öfter auf und beginnt ein Doppelleben. Sie mietet sich in das Leben einer Fremden ein, die, wie sich später herausstellt, bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Diese Entwicklung erreicht ihren Höhepunkt, als sich eines Tages ein fremder Mann neben Agnes ins Bett legt und sie wie selbstverständlich miteinander schlafen.

»Warum« ist die unvermeidbare Frage, die über den Köpfen der Zuschauer schwebt. Doch Regisseurin Lola Randl gibt ihnen hierauf keine Antwort. Sie hinterfragt in ihrem Langfilmdebüt das Handeln ihrer Protagonistin nicht. Sie begleitet sie auf ihrer Reise nach Irgendwo, beobachtet sie dabei aus nächster Nähe, ohne ihre geheimnisvolle Aura anzutasten. Die sterilen und ruhigen Bilder wirken dabei keineswegs langweilig. Gerade aufgrund der fehlenden Erklärungen erzeugen sie eine subtile Spannung, denn Agnes’ Schritte kündigen sich nicht an, sie kommen unerwartet.

Erst jüngst hatte der als Vertreter der Berliner Schule bekannte Ulrich Köhler in seinem nüchternen Film Montag kommen die Fenster eine ähnliche Frauenfigur porträtiert. Wie Agnes bricht auch Nina aus unerfindlichen Gründen aus ihrem gutsituierten Dasein aus. Sie verläßt Mann und Kind und läßt sich fortan treiben. Beide Frauen befinden sich auf der Suche. Nach sich selbst, nach Abenteuern, nach Glück? Die Fragen bleiben bestehen. Randl und Köhler vermeiden es, ihre entwurzelten Figuren zu verurteilen. Sie geben ihnen die Möglichkeit, ihre Identitäten abzulegen und sich fern aller Fragen, Verpflichtungen und Rechtfertigungen neu zu entdecken. Doch diese schöne neue Welt hat ihre Grenzen, wie Agnes gegen Ende selbst erfährt. Ungewißheit und Flüchtigkeit sind die Komponenten dieser Utopie, für die Hauptdarstellerin Sylvana Krappatsch in jeder Szene die mimische Entsprechung findet.

Agnes ist sowohl in ihrem neuen, als auch in ihrem alten Leben ein Gast. Als sie sich ins Auto setzt und von ihrem Mann wegfährt, schließt sich eine weitere Frage an: Was ist Zuhause, und wo befindet es sich?
2009-05-11 10:12

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #54.

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