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B/F/CH 2008. R,B: Ursula Meier. B: Antoine Jaccoud, Raphaëlle Valbrune, Gilles Taurand, Olivier Lorelle. K: Agnès Godard. S: Susana Rossberg, François Gédigier, Nelly Quettier. P: Box Productions, Archipel 35, Need Productions. D: sabelle Huppert, Olivier Gourmet, Adélaïde Leroux, Madeleine Budd, Kacey Mottet Klein, Renaud Rivier, Kilian Torrent, Nicolas Del Sordo u.a.
97 Min. Arsenal ab 25.6.09

Ein Haus ohne Fenster

Von Felix von Boehm »Dieses Mal kommen sie wirklich.« In der Familie, von der Ursula Meier erzählen will, macht sich Unbehagen breit, als in den Verkehrsmeldungen von Georges Schwed und seinem roten Volkswagen die Rede ist. Denn er ist der erste Autofahrer auf der E57. Und diese Autobahn war während der vergangenen zehn Jahre die Terrasse und Rollschuhbahn von Marthe, Martin und ihren Kindern. Nun wird sie vom einen auf den anderen Tag wieder in Betrieb genommen. Hupende Lastwagen, überschnelle Sportcoupés und stinkende Familienkutschen fahren jetzt am Wäscheständer, dem Planschbecken und dem Gemüsegarten der Autobahn-Familie vorbei, die in ihrem proletarisch-kafkaesken Charakter einem Road Movie des New Hollywood entsprungen sein könnte und sich – quasi aus Gewohnheit an den Asphalt – neben der Autobahn ein Haus gebaut hat, über das der Soundtrack verrät: »Our house is a house that is moving. Like the ocean.«

Was am Anfang des Films als absurder Gegenschuß auf das klassische Road Movie anmutet und den Zuschauer mit einer vollkommen unwahrscheinlichen Begebenheit konfrontiert, entwickelt sich über die 97 Kinominuten zu einem ebenso humoristischen wie nachdenklichen Porträt über eine französische, kleinbürgerliche Familie, die mit ihrem Witz und ihrem Charme zumindest in der französischen Kinolandschaft einen erfrischenden Ausgleich zu den Mainstream-Familien aus Willkommen bei den Sch'tis oder C'est la vie – So sind wir, so ist das Leben darstellt. Um die unterschiedlichen Figuren jener Familie möglichst präzise zu schildern und ihre asymmetrischen Beziehungsgeflechte untereinander freilegen zu können, konzentriert sich die Filmemacherin ganz bewußt auf den Schauplatz des Familienhauses und bemüht sich immer wieder darum, in diesem Haus in nahezu dokumentarischer Manier die Familie auf wenigen Quadratmetern mitzuerleben – im Badezimmer, in der Küche, im Schlafzimmer, das die Familie während der Schulferien zu einem gemeinsamen Schlaflager mit mehreren Matratzen und Decken auf dem Boden umfunktioniert hat. Mit der sensiblen Kamera von Agnès Godard kommt die Filmemacherin ihren Figuren dabei so nah wie möglich, ohne die familiäre Intimität zu durchbrechen. Auch wenn der Zuschauer die Zerbrechlichkeit der so keck und unzertrennlich erscheinenden Eltern, die Isabelle Huppert und Olivier Gourmet auf wundervolle Weise verkörpern, erleben darf, so bleibt die Familie doch die ganze Zeit unter sich und der Zuschauer nur der Beobachter eines abgeschlossenen Systems.

Wie genau jenes System funktioniert, das will Ursula Meier untersuchen, indem sie die Familie mit einem plötzlich hereinbrechenden, bedrohlichen Fremdkörper konfrontiert. Sehr genau beobachtet sie, wie die unterschiedlichen Figuren mit der vom einen auf den anderen Tag eröffneten Autobahn umgehen: Während Michel zunehmend die Nerven verliert und das Haus aufgeben will, hält Marthe an ihrem Bild fest, daß eine Familie ein Haus braucht, um ein Zuhause zu haben. »Ich gebe Euch Recht, es ist nicht einfach. Aber es ist unser Zuhause.« Damit ihr Sohn wie früher Rollschuh fahren kann, weckt sie ihn mitten in der Nacht. Damit ihre ältere Tochter wie früher im Garten Sonnenbaden und Musik hören kann, hat sie ihr große Kopfhörer gekauft. Sie will unter keinen Umständen noch einmal von vorne beginnen. Eines Abends sagt ihre jüngere Tochter zu ihr: »Ich könnte das nicht, so eingesperrt sein, den ganzen Tag.« Aber die zerbrechliche Marthe hat Angst vor der Welt. Die Familie ist für sie zu einem Schutzraum und ihrem Modus vivendi geworden. Hierin liegt die Tragik jener Mutterfigur, die schließlich auch ihre Familie in die Isolation führen wird. Und Ursula Meier sieht ihr dabei zu, ohne zu verhindern, was sich da zusammenbraut: Anfangs verteilt die Mutter Ohropax an ihren Mann und die Kinder. Dann wird Isolierwolle angeschafft, um zumindest die Schlafzimmer vor dem Autobahnlärm zu schützen. Und schließlich werden die Fenster zugemauert. Nur noch ein kleines Loch versorgt die Familie mit Sauerstoff. Atmen unmöglich.

In der Beschreibung jenes Szenarios verzichtet die Regisseurin Ursula Meier sehr souverän darauf, die entworfenen Bilder und Situationen am Maßstab der Wahrscheinlichkeit zu messen. Ihr Mut zahlt sich aus: Das zugemauerte Haus, mit dem sie den Zuschauer in der zweiten, zunehmend beklemmenden Hälfte des Films konfrontiert, ist eine beeindruckende Metapher, die nur ein selbstbewußtes Kino zustandebringen kann. Und die Innenräume, die Ursula Meier gemeinsam mit ihrem Szenenbildner Ivan Niclass mit deutlichen Verweisen auf die apokalyptischen Arbeiten von Jeff Wall komponiert hat, werden zu erschütternden Spiegelbildern der inneren Verwahrlosung jener Familie.

Ob die größte Gefahr für Familien von außen, oder von innen kommt, darauf will die Regisseurin keine eindeutige Antwort geben. Dafür hofft sie, daß jede Familie sich selbst genügend Luft zum Atmen läßt.
2009-06-22 10:23
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