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Year One – Aller Anfang ist schwer

Year One. USA 2009. R,B: Harold Ramis. B: Gene Stupnitsky, Lee Eisenberg. K: Alar Kivilo. S: Craig Herring, Steve Welch. M: Theodore Shapiro. P: Apatow Productions. D: Jack Black, Michael Cera, Oliver Platt, David Cross, Hank Azaria, Christopher Mintz-Plasse, Vinnie Jones, June Raphael u.a.
97 Min. Sony Pictures ab 27.8.09

Futter, filmisch

Von Werner Busch In der dritten Folge der elften Staffel von Die Simpsons, Produktionscode #AABF21, besucht Homer mit Lisa und Bart ein Planet-Hollywood-Restaurant. Dort ausgestellt: der Spazierstock (cane) aus Citizen Kane. Lisa: »Wait. There was no cane in Citizen Kane.« Richtig. Diesen Spazierstock gab es allein in den Rückblenden von François Truffauts Die amerikanische Nacht, womit der Regisseur (als Junge) die Aushangposter von Citizen Kane stehlen konnte. Egal. Anschließend entdeckt Homer das ausgestellte Drehbuch von The Cable Guy, das er mit einem »Du Schundskript, dir werd’ ich’s zeigen! Du hättest fast Jim Carreys Karriere zerstört!« leidenschaftlich zerreißt. Der Autor dieses Drehbuches war ein gewisser Judd Apatow, der als Comedyautor auf eine ganze Reihe von Fehlschlägen Anfang der 1990er zurückblicken konnte. Nur etwas mehr als zehn Jahre später nennt man ihn den Comedykönig von Hollywood, weil er mit seinen ersten eigenen Regiearbeiten Jungfrau (40), männlich, sucht… und Beim ersten Mal, zwei der erfolgreichsten amerikanischen Komödien der Dekade hinlegte. Auch bei der Kritik. Sein neuer Film Wie das Leben so spielt wird das gleiche Schicksal haben. Nebenher ist Apatow auch verstärkt als Produzent tätig und hat sich nun mit Regisseur, Autor und Ex-Ghostbuster Harold Ramis (Und täglich grüßt das Murmeltier…) einen beinahe überaus talentierten Mann ins Boot genommen. Die Geschichte um zwei Steinzeittypen, die aus ihrem Garten Eden in eine alttestamentarische Welt gestoßen werden, entwickelte Ramis aus einem von ihm geschriebenen Sketch, den er – mit John Belushi und Bill Murray in den tragenden Rollen – einst für Saturday Night Live inszeniert hatte. Es gibt bedeutend ungünstigere Konstellationen.

In der eingangs erwähnten Simpsons-Episode ist Homer als Restaurantkritiker unterwegs: »Die anderen Kritiker haben mir geraten, gemein zu sein und bösartige Vergleiche anzustellen.« Er würde im Falle von Year One – Aller Anfang ist schwer vielleicht so etwas geschrieben haben wie: »Dieser Film ist furchtbar langweilig! Er liegt mir schwerer im Magen als die tiefgekühlten Ćevapčići von Aldi. Dieser Film ist ein Höllenschlund! Und ihr wißt, wie ich über Höllenschlünde denke… P.S.: Gute Parkmöglichkeiten.«

Doch zunächst glaubt man noch, alles sei in Ordnung. Solange sich der Film in seiner ersten Viertelstunde in der Steinzeit befindet und die beiden Hauptcharaktere Zed und Oh eingeführt werden. Allein das dahingerotzte Production Design wirft bereits seine drohenden Schatten auf das noch Kommende. Aber immerhin: Die Gags werden im Sekundentakt abgefeuert und treffen auch häufig. Dann aber verschlägt es Zed und Oh unvermittelt in die Welt des alten Testaments: Kain und Abel, Hiob, Abraham und Konsorten laufen ihnen über den Weg, und sie gelangen nach Sodom, wo sich der überwiegende Teil des Films abspielt und die Ausstattung den Zuschauer immer wieder – wie das Licht bei Nahtoderfahrungen – an eine bessere Welt, an Das Leben des Brian, gemahnt. Allerspätestens hier rückt die unangenehme Blödsinnigkeit der Handlung in den Vordergrund weil Ramis und seinen Koautoren nun unverschämt offensichtlich die Gag-Munition ausgegangen ist. Die komödiantischen Ekelspitzen (Michael Cera pinkelt sich selbst ins Gesicht, Jack Black ißt menschlichen Kot) werden unter den positiven Erinnerungen verbucht werden, weil sie die einzigen ablenkenden Momente in einem trostlosen Dahingeplätschere sind. Ansonsten überträgt sich die an Arbeitsverweigerung grenzende Lieblosigkeit der Macher in Form von tiefem Angeödetsein auf den Zuschauer. Auch in einem vorzüglich gepolsterten Kinosessel wird man sich mental mit der Form des eigenen Sitzbeinknochens beschäftigen, den man vorher vielleicht noch nie so bewußt wahrgenommen hat.

In Apatows langlistiger Filmographie wird Year One für ihn dankenswerterweise untergehen. Harold Ramis jedoch hat hiermit seiner bemerkenswerten Karriere als Autor und Regisseur einen empfindlichen Schlag in die Magengrube versetzt. Seine Existenzberechtigung erfährt der Film lediglich dadurch, daß die Kinder der Mitwirkenden auch in den nächsten Monaten was zu äsen im Kühlschrank finden werden. Es gibt Jäger und Sammler. Und: Der Film selbst kann als Futter für – na sagen wir zum Beispiel – zukünftige Episoden von Die Simpsons dienen. Obwohl auch das noch eine Frage der Würde wäre.

PS: Gute Parkmöglichkeiten. 2009-08-25 09:57

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