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Sturm

D/DK/NL 2009. R,B: Hans-Christian Schmid. B: Bernd Lange. K: Bogumil Godfrejow. S: Hansjörg Weißbrich. P: 23|5 Filmproduktion, Zentropa Entertainment Berlin, Zentropa International Köln u.a. D: Kerry Fox, Anamaria Marinca, Stephen Dillane, Rolf Lassgård, Alexander Fehling, Kresimir Mikic, Steven Scharf, Bent Mejding u.a.
110 Min. Piffl ab 10.9.09

Ein Richter für die Henker

Von Kyra Scheurer Mit seinem neuen Film wagt Hans-Christian Schmid einen Spagat, an dem vor kurzem Tom Tykwer scheiterte: die Anklage eines politischen Mißstandes mit den Mitteln des Thrillers. Im Gegensatz zu Tykwer bedient Schmid aber nicht in erster Linie das Genre, es gelingt ihm darüber hinaus eine eindeutige Positionierung seiner Autorenhaltung und eine große Nähe zu glaubwürdigen Charakteren. Die reale Vorlage des filmischen Sujets wird bald Geschichte sein: 2010 stellt das Internationale Tribunal für Kriegsverbrechen in Den Haag allen noch offenen Verfahren zum Trotz seine Arbeit ein.

Gemeinsam mit Co-Autor Bernd Lange recherchierte Schmid zeitaufwendig bei Anklägern, Verteidigern und Richtern in Den Haag, sprach mit Zeitzeugen in Bosnien und Herzegowina und versuchte so, gleich zwei komplexe Themen zu durchdringen: das internationale Recht und die Wirren des Balkan-Kriegs. Dem Film gelingt es, den Internationalen Gerichtshof mit teilweise fast dokumentarischen Mitteln als das abzubilden, was er ist – eine Maschine, deren Bedingungen unter Zeitdruck Kriegsschuld zu beweisen in »schlanken Prozessen« wenig Raum lassen, als fühlendes Individuum zu bestehen und gar keinen Raum für Privates neben dem Politischen.

Das große Anliegen und die vielen Informationen erschlagen diesen Film glücklicherweise nicht, es bleibt bei aller politischen Strahlkraft auch einfach ein spannendes Kinoerlebnis – wenn auch eines, das vielleicht eine Idee zu viel will. Denn während der Konflikt der einen Hauptfigur, Anklägerin Hannah Maynard (großartig verkörpert von Kerry Fox), facettenreich ihr inneres Dilemma zeigt, rational handeln zu müssen und doch aufs Fühlen nicht verzichten zu wollen, nimmt die fast gleichwertig behandelte Geschichte der Zeugin Mira, die ein Vergewaltigungslager der Serben überlebt und die Vergangenheit fest in sich verschlossen hat, teilweise unnötig viel Raum ein und schwächt so Hannahs Konflikt.

Mira wird in ihrem neuen Leben in Berlin, mit Mann und Kind und bald auch Eheproblemen ausführlich gezeigt, bevor sie die Welt ihrer Vergangenheit zögerlich erneut betritt und sich zur Aussage in Den Haag durchringt. Doch auch wenn die aus Vier Monate, drei Wochen, zwei Tage bekannte Rumänin Anamaria Marinca die Widersprüche dieser Figur unaufdringlich fühlbar macht – eine vergleichbar authentische Emotionalität wie etwa in Grbavica wird allein aufgrund der unfreiwilligen Konkurrenz zur anderen Geschichte nicht erreicht. Denn Kerry ist das Herz des Films: wie ihr Idealismus durch politische Kompromisse abgeschliffen wird, sie im von zynischem Slang geprägten Büroalltag besteht und aus taktischen Gründen doch bei der Beförderung übergangen wird, ihre kurzen Atempausen mit einem EU-Integrationsbeauftragten in anonymen Hotels und die permanente Notwendigkeit, mit jedem – auch ihrer eigenen Affäre – Deals aushandeln und effiziente Abwicklung von Fällen über die echte Anhörung von Traumatisierten stellen zu müssen. Hannahs schleichende Erkenntnis, daß ihre Gegner nicht nur auf der Anklagebank zu finden sind, sondern auch in den eigenen Reihen, macht die Spannung dieses Politthrillers aus. Die Zeichnung dieser antagonistischen Charaktere nicht als reine Bösewichte, sondern als Pragmatiker eines von demokratischen Staaten installierten und gestützten, unbestreitbar an und für sich wichtigen Systems, verleiht dem Thema seine Brisanz und hinterläßt den Zuschauer gleichermaßen emotional berührt und hilflos wie intellektuell stimuliert.

Das naive Bedürfnis nach Heilung, das auch in Kerry noch nicht ganz verschüttet ist, trifft auf die Wirklichkeit: Ein Prozeß ist keine Therapie, heißt es in Sturm. Auch die visuelle Umsetzung unterstützt gelungen Thema und Haltung des Gesamtkunstwerks. Die dominant verwendete Handkamera bedeutet große Freiheit, aber auch größtmögliche Wahrhaftigkeit im Spiel der Hauptdarsteller, die nie sicher sein konnten, ob sie in einer Einstellung erfaßt würden. Die präzise Montage von Hansjörg Weißbrich stützt ein weiteres Mal die Nähe zu den Figuren ebenso wie sie Erzählökonomie maximal zu kondensieren versteht. Und auch im musikalischen Bereich setzt Schmid mit den Klängen von The Notwist auf langjährige kreative Partnerschaft. Ihnen allen zusammen ist etwas Großes gelungen: Der bislang beste Schmid-Film überhaupt. 2009-09-03 12:00

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