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Wie das Leben so spielt

Funny People. USA 2009. R,B: Judd Apatow. K: Janusz Kaminski. S: Brent White, Craig Alpert. M: Jason Schwartzman, Michael Andrews. P: Sony Pictures Entertainment, Universal Pictures. D: Adam Sandler, Seth Rogen, Leslie Mann, Eric Bana, Jonah Hill, Jason Schwartzman, Aubrey Plaza, Maude Apatow u.a.
140 Universal ab 17.9.09

Ich hab’ nichts gemacht

Von Jakob Stählin Als Paul Thomas Anderson für seine schändlicherweise oft als Zwischenwerk verstandene Großtat Punch-Drunk Love Adam Sandler besetzte, gab es in der Diskussion häufig zu lesen, man sei überrascht ob der schauspielerischen Qualität des suboptimalen Mimen. Judd Apatow, dessen Filme stets aus einem recht festen Pool aus Darstellern schöpfen, besetzt seine Rollen gerne mit Stereotypen. So gibt Seth Rogen meist den gemütlichen Kiffer; ein Typ Mensch, dem er selbst sicher nicht allzu unähnlich ist, und Adam Sandler gibt in Wie das Leben so spielt einen erfolgreichen, groupieflachlegenden Stand-Up-Comedian, dessen Krebserkrankung ihn auf menschliche Werte zurückwirft. Ebenso wie die Rolle in Punch-Drunk Love meistert Sandler auch diese durch seinen zweifellosesten Wert, der ihn zu einem der bestbezahlten Menschen Hollywoods gemacht hat: Leinwandpräsenz. Das mag zunächst mit differenziertem oder gar punktgenauem Spiel wenig zu tun haben (auch wenn letztere Eigenschaften erstere zwingend voraussetzen), doch es bleibt ein rares Talent, das nicht zu verachten ist. Jungfrau (40), männlich, sucht… war ebenso wie Apatows letzte Regiearbeit Beim ersten Mal in ähnlicher Manier gecastet. Mittlerweile ist das zur Marke geworden, und Schauspieler wie Jonah Hill, Leslie Mann und Paul Rudd werden klar mit ebenjenen Produktionen assoziiert. Das ist einerseits schön, aber andererseits gefährlich, denn wenn man nicht aufpaßt, ereilt einen flugs das Schicksal des »Ich hab' nichts gemacht«-Jungen Bart Simpson.

Ebenso treu geblieben ist Apatow sich bei seinem Hang zur Überlänge. Und natürlich, warum sollten Komödien nicht auch mal deutlich die Zweistundenmarke überschreiten dürfen? Es wurde zwar oft bemängelt, daß Produktionen wie Nie wieder Sex mit der Ex oder Ananas Express ihre dünne Handlung zu sehr ausreizten und eine klarere Beschneidung gut getan hätte. Doch die wahre Kunst, die Apatows Produktionen so populär macht, liegt darin, daß die meisten Zuschauer dies eben nicht möchten. Unangestrengt, wenn auch nicht durchgehend komisch, entfalten sie eine vertraute Atmosphäre, basierend auf wiederkehrenden Gesichtern, die in ihrer Schlichtheit Konstanten aus dem wahren Leben karikieren und so eine saloppe Stilisierung des Alltags zeichnen. Natürlich kennt niemand einen derartig trotteligen Loser wie den von Steve Carell gespielten Andy, der weniger Ahnung von Sex hat als jeder moderne 10jährige, doch seine Figur war eben das Element, das Jungfrau (40), männlich, sucht… aus seinen Fugen geraten ließ. Und das war auch gut so.

Wie das Leben so spielt ist in seinen ironischen Momenten richtig gut. Wenn etwa Seth Rogen zusammen mit Adam Sandler Gags schreibt, ist das eine klare Hommage an das Humorgeschäft an sich. Leider bekommt man jedoch in satten zweieinhalb Stunden Film allzu oft den Eindruck, dem Arbeitsalltag von Harald Schmidt nachzugehen, der einen ganzen Stapel Gags präsentiert bekommt und sich entscheiden muß, über welchen man wohl am ehesten zu schmunzeln bereit ist. Eingefangen in stilvolle Bilder von Janusz Kaminski und mit zahlreichen Cameo-Auftritten des Web 2.0 (inklusive MySpace-Tom) kann man die glattinszenierte Fassade, die hier geboten wird, durchaus – entgegen oder gerade wegen seiner aufgesetzten Krebsthematik – als Parodie verstehen, die sich einfach jeder gängigen Lesart entzieht. Aber so etwas steht Apatow nicht gut zu Gesicht, denn seine Nische ist zu groß. Die Normalen dieser Welt, die einfach ab und an mal ein bißchen erfolgreich sein wollen, die Leute, die Konstanten suchen und sie in Jungfrau (40), männlich, sucht…, Ananas Express, Beim ersten Mal und auch Nie wieder Sex mit der Ex so erfolgreich fanden, wie es sonst nur bei Serien möglich war, wollen griffige Handlungen und klare Emotionen.

Wie das Leben so spielt ist hingegen Apatows reinster Film. Wir haben die Kiffer, die hoch hinaus wollen, aber erfolglos an irgendwelchen Theken jobben müssen, und wir haben den erfolgreichen Arsch, der ordentlich Geld abstaubt, aber beginnt, seine inneren Werte dabei verkommen zu lassen. Das Problem des Films ist genau hier verankert, denn der zentrale Konflikt, namentlich die Läuterung der gefühlskalten Berühmtheit durch eine tödliche Krankheit, ist kein Konflikt, was selbst den Machern bewußt zu sein scheint, denn bereits im Trailer wird ausformuliert, wohin dieser Plot führt. Ebenso wenig, wie sie ihn tötet, verändert die Krankheit Starkomiker George Simmons Charakter und auch nicht dessen Humor. Davon gibt es jedoch einen ganzen Batzen in Form von Stand-Up-Auftritten zu sehen, die sich jedoch ebenso wie die ziellosen Szenen konturlos aneinanderreihen. Die Figuren, die sie bevölkern, erfahren keine Veränderung, und die Umgebung, die sie verändern soll, dies aber nicht tut, verändert sich folglich auch nicht. Es ist Stagnation auf durchaus hohem Niveau, aber Apatow kann mehr. Er hat es oft genug bewiesen. 2009-09-14 11:42

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