— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

66/67 – Fairplay war gestern

D 2009. R,B: Carsten Ludwig, Jan-Christoph Glaser. K: Ngo The Chau. S: Sarah Levine. M: Dirk Dresselhaus. P: Frisbeefilms, jetfilm. D: Fabian Hinrichs, Christoph Bach, Melika Foroutan, Maxim Mehmet, Christian Ahlers u.a.
118 Min. Farbfilm ab 19.11.09

Zwietracht bei der Eintracht

Von Oliver Baumgarten Nicht mal die Älteren werden sich erinnern: In der Saison 1966/67 ist Eintracht Braunschweig mal Deutscher Fußballmeister geworden. Das ist aus heutiger Sicht ebenso erstaunlich wie es in zwanzig Jahren kaum jemand wird glauben mögen, daß VfL Wolfsburg mal selbiges gelungen sein soll. Für die sechs Kumpane aus Carsten Ludwigs und Jan-Christoph Glasers Film hingegen bedeutet dieser Titel ebenso wie der Verein fast alles. Loyal stehen sie zur Eintracht, und loyal stehen sie auch füreinander ein als Ultras, für die Fußball nicht Zerstreuung, sondern Abreaktion bedeutet, die als Individuen im Alltag täglich scheitern und dafür als Gruppe umso aggressiver den Sieg suchen. 66/67 – Fairplay war gestern tut aber nur so, als ginge es ihm um Fußball. In Wirklichkeit zeichnet der Film ein ungewöhnliches Porträt einiger Kleinstadtexistenzen, die der gesellschaftliche Druck und die Angst vorm Leben zu komplettem Stillstand führt. Die Figuren klammern sich an die Idee ihrer bröckelnden Gemeinschaft nur, um sich überhaupt irgendwo festhalten zu können und nicht als Spielball der Umstände orientierungslos umherzumäandern. Beginnt 66/67 in diesem Sinne noch eher als typische Sozialkomödie, kippt der Ton urplötzlich grundlegend, als einer der Kumpel einen exzeßhaften Gewaltausbruch erlebt, als er das Gesicht eines harmlosen Fans fast zu Brei schlägt, sodaß selbst die Tonspur wie im Schock einen Hörsturz mit dumpfem Tinitus erleidet. Blitzartig ändert sich der Ton des Films und erfährt nun einen fast bitteren Ernst – ein perfider und großartig umgesetzter Streich der Filmemacher, der beim geschockten Zuschauer einen Perspektivwechsel im Blick auf die Figuren bewirkt. Das erschreckend Pathologische ihres Handelns verleiht dem gut gespielten Film etwas Extremes, das der leicht eigenwilligen Dramaturgie auf spannende Weise in die Karten spielt.
2009-11-16 11:30

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #56.

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap