— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Bal – Honig

Bal. TR/D 2010. R,B,S: Semih Kaplanoglu. K: Baris Özbicer. S: Ayhan Ergürsel, Susan Hande Güneri. P: Heimatfilm, Kaplan Film Yapim. D: Bora Altas, Tülin Özen, Erdal Besikçioglu, Alev Uçarer.
103 Min. Piffl ab 9.9.10

Kinderszenen – fast zu ernst

Von Marieke Steinhoff Die eigene Kindheit erscheint vielen im Rückblick als leicht surrealer Traum, in dem die Grenzen zwischen Realität und Fiktion bis hin zur Unkenntlichkeit verwischen. Überlieferte Anekdoten paaren sich mit eigenen unscharfen Erinnerungsfetzen an die kindliche Wahrnehmung, die gerade durch das Fehlen einer Differenzierung von Innen und Außen, von Realem und Imaginiertem gekennzeichnet ist. Was dem sich Erinnernden letztendlich bleibt, ist ein diffuses Gefühl, welches ihn, ausgelöst durch Fotos, Musik oder auch die Rückkehr an Kindheitsorte, immer mal wieder kurzzeitig einholt und zurückversetzt in diese Welt zwischen Traum und Wirklichkeit.

Hierhinein entführt uns auch Semih Kaplanoglu mit dem dritten und letzten Teil seiner rückwärts erzählten Trilogie über den Dichter Yusuf. Zeigte der erste Teil Yumurta (»Ei«) Yusuf als erwachsenen Mann und der zweite Teil Süt (»Milch«) seine Jugendjahre und insbesondere die Beziehung zu seiner Mutter, ist Bal (»Honig«) der Kindheit Yusufs und der Beziehung zu seinem Vater gewidmet. Nachdem schon die ersten beiden Filme eine erfolgreiche Festivalauswertung erfuhren (Yumurta lief 2007 in Cannes, Süt 2008 in Venedig), hat sich Kaplanoglu mit Bal endgültig als neuer Festivalliebling etabliert und durfte – verdientermaßen – bei der diesjährigen Berlinale den Goldenen Bären in Empfang nehmen.

Wieder mal beginnt Kaplanoglu mit einem Prolog, einer langen Einstellung ohne Schwenk, die den Blick freigibt auf einen sonnendurchfluteten Wald. Die Konzentration liegt zuallererst auf der Tonebene, dem Rascheln der Blätter, dem Zwitschern der Vögel, dann taucht ein Mann mit seinem Esel im Bildhintergrund auf, läuft direkt auf die Kamera zu, geht rechts an ihr vorbei, um dann linksherum wieder ins Blickfeld zurückzukehren. Als nächstes sieht man den Mann ein Seil über einen Baumast werfen und festbinden, die Einstellung wechselt von der Totalen zur Halbnahen, der Mann klettert den Baumstamm hinauf, der Ast bebt, eine unheilvolle Spannung baut sich auf, schließlich bricht der Ast, und der Mann hängt hilflos in der Luft. Abblende. Der Vorspann beginnt. Wie schon in den Vorgängerfilmen wird das folgende Drama in dieser ersten theaterhaften Szene zusammengefaßt – ein Mann stirbt, ein kleiner Junge verliert seinen über alles geliebten Vater.

Weniger symbolisch aufgeladen als in Süt überwältigen die zwar artifizielle, aber höchst einfühlende Bildsprache sowie die sorgfältige Tongestaltung, die einen mitten in den knirschenden, surrenden, zirpenden Wald, das holzige, halbdunkle Familienhaus und die beengende, isolierende Schule versetzen – alles atmet in diesem Film, und selten ist kindliche Wahrnehmung so kongenial übersetzt und dadurch fühlbar gemacht worden! Narrative Erklärungen treten gegenüber der Bild- und Tonspur in den Hintergrund, allein schon deshalb, weil sich der Protagonist jeglicher sprachlicher Kommunikation verwehrt.

Der kleine Yusuf ist ein stiller Beobachter, ein verträumtes Kind, das in der Schule stottert und zu Hause nur flüsternd mit dem Vater kommuniziert, der als einziger mit den Eigenheiten seines Sohnes umzugehen weiß. Im Schutze dieser Liebe weiß Yusuf sich zu bewegen, ohne seinen Vater verliert er demgegenüber an Statur, hält sich fern von gleichaltrigen Kindern und auch von seiner Mutter und wartet sehnsüchtig auf den Moment, in dem er wieder bei seinem Vater sein darf. Bora Altas läßt die Sprachlosigkeit des kleinen Yusuf dank seines intensiven Spiels immer wieder vergessen, kommuniziert er doch seine Wünsche und Ängste lediglich über Augen und Körperhaltung, den langsamen, in sich gekehrten Gang, wenn er allein ist, und das freudige Rennen, wenn er seinen Vater in der Nähe vermutet. Beinahe schmerzhaft ist diese unausgesprochen große Zuneigung zwischen Vater und Sohn anzusehen, weiß man doch, daß Yusuf am Ende alleine zurückbleiben wird.

Kaplanoglu hat mit Bal einen Film geschaffen, der fast ohne Worte auskommt und sich vollkommen auf seine Bilder und Töne verläßt, durch dessen Zusammenspiel eine größtmögliche Einfühlung in Yusufs Welt ermöglicht wird. Erklärungen und Psychologisierungen haben in dieser keinen Platz, die zeigt, ohne den Weg zu weisen, und die einen zurückträgt in eine Zeit, in der man das größte Glück noch im Schauen fand. 2010-09-06 10:36

Abdruck

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap