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12 Monate Deutschland

D 2010. R,B,K: Eva Wolf. K: Patricia Scheller, Patrick Protz. S: Andreas Zitzmann. P: Lemme Film.
95 Min. Neue Visionen ab 23.9.10

Das Fremde, das Eigene und das Fremde im Eigenen

Von Jochen Werner Kwasi aus Ghana, Constanza aus Chile, Eduardo aus Venezuela, Nairika aus den USA: Viel haben die vier jugendlichen Protagonisten des Dokumentarfilms 12 Monate Deutschland auf den ersten Blick nicht gemeinsam – abgesehen von dem Umstand, daß sie alle als Austauschschüler für ein Jahr nach Deutschland kommen. Diese Unterschiedlichkeit wäre an sich ja noch recht unproblematisch und kaum der Stoff für einen abendfüllenden Film, doch treffen alle vier zudem auch in ihren jeweiligen Gastfamilien auf kulturelle Differenzen, welche sich in sehr unterschiedlichen Erwartungshaltungen ausdrücken und schlußendlich dazu führen, daß alle vier Austauschschüler im Verlaufe von 12 Monate Deutschland ihre Gastfamilien einmal wechseln werden.

Lobenswert ist dabei zunächst einmal die Nähe, die die Filmemacherin zu ihren jungen Protagonisten aufbaut, ist diese doch die Grundvoraussetzung dafür, als Zuschauer eine Bindung zu ihnen aufzubauen und sich für ihre Erlebnisse in der Fremde überhaupt zu interessieren. Die filmischen Mittel, die Wolf dafür einsetzt, sind betont schlicht und zurückgenommen: Wolf beobachtet geduldig das durch den Blick von Außen auf die Probe gestellte Familienleben der Gastfamilien einerseits, und die sehr unterschiedlichen Arten der Schüler, mit den sehr unterschiedlichen Formen des Zusammenlebens und der unbekannten Kultur umzugehen, auf der anderen Seite. Ob sie, wie der rebellische Kwasi, auf Konfrontationskurs gehen und versuchen, etwas afrikanisches »Laissez-faire« in das thüringische Zweieinhalbtausend-Seelen-Kaff Rastenberg zu tragen, oder sich wie der introvertierte Eduardo in sich selbst und die Isolation einer kleinen Clique von Austauschschülern zurückziehen; ob sie sich, wie die lebenslustige Constanza, in einer Familie wiederfinden, wo vor allem das Fernsehgerät und der PC das Sozialleben bestimmen und Kommunikation kaum noch stattfindet, oder sich, wie Nairika, mit einer alleinerziehenden Mutter und ihrem erwachsenen Sohn konfrontieren müssen, die so gar nicht ihrer mitgebrachten Vorstellung von familiärem Zusammenleben entsprechen wollen – jeder der Schüler sieht sich mit manchmal schmerzhaften Ergänzungen zum eigenen Weltbild konfrontiert.

12 Monate Deutschland ist aber kein pessimistischer Film, ganz im Gegenteil sogar: Für jeden seiner vier Protagonisten gibt es in gewisser Weise ein Happy End. Wenn auch die Konflikte auch in den neuen Familien meist nicht so ganz ausbleiben; die Wege, mit ihnen umzugehen, haben sich geändert. Und am Ende kehren, allem zum Trotz, alle vier mit vielen positiven Erfahrungen im Gepäck in ihre jeweilige Heimat zurück. Die Kontrastierung der vier sehr unterschiedlichen Erzählstränge führt dabei zu durchaus aufschlußreichen Erkenntnissen: Nicht nur führen sie nämlich vier sehr unterschiedliche Protagonisten zusammen, sie führen auch die Vielfalt der Formen familiären Zusammenlebens im scheinbar vertrauten eigenen Land vor Augen. 2010-09-21 16:16

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