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The Social Network

USA 2010. R: David Fincher. B: Aaron Sorkin. K: Jeff Cronenweth. S: Kirk Baxter, Angus Wall. M: Trent Reznor, Atticus Ross. P: Michael De Luca Productions, Scott Rudin Productions, Trigger Street Productions. D: Jesse Eisenberg, Andrew Garfield, Justin Timberlake, Rooney Mara, Bryan Barter, Dustin Fitzsimons, Armie Hammer, Joseph Mazzello u.a.
121 Min. Sony Pictures ab 7.10.10

All your base are belong to us!

Von Werner Busch »Das Internet? Gibt's den Blödsinn immer noch?« Entgegen anderslautender Meinungen in den späten 1990er Jahren war es kein vorübergehender Hype. Das war es ausschließlich als Spekulationsobjekt an der Börse. Die Quittungen für dreistellige Millionenumsatzgewinne für Firmen, die nie ein Produkt lieferten und stets tiefrote Zahlen schrieben, wurden schon vor zehn Jahren unterschrieben. Das Internet aber ist dessen völlig ungeachtet seit langem und weiterhin in sich potenzierendem Umfang die aktivste Kultursphäre, die wir kennen, auf die X-Achse »Zeit« umgeschlagen, die aktivste, die es je gegeben hat. Seine Erfindung und Urbarmachung wird man in der historischen Rückschau weit über die Erfindung des Rades und vielleicht sogar der Elektrizität selbst stellen.

The Social Network ist ein Historienfilm, was wir auf den Bildschirmen sehen, ist antik wie in jedem Bibelschinken aus den 1950er oder 1960er Jahren: Wir erkennen Windows NT-Betriebssysteme, XP, und auf einem Laptop auch ein Linux-Derivat mit KDE 3.1 Oberfläche, Äonen ist das her. Wir befinden uns im Jahr 2003, der Campus heißt Harvard, der Mann am Linux-Desktop ist Mark Zuckerberg. Seine Freundin, die nie seine Freundin war, hat ihn verlassen. Mit ein paar Bieren im Hals bastelt er spontan eine Seite, für die er sich aus den Fotoseiten der Online-Jahrgangsbücher von Studentenverbindungen bedient, ein »Hot or not«-Contest. Innerhalb weniger Stunden, während in einem Verbindungskeller eine Millionärskinder-Schickeria in Cocktailkleidern und Anzügen römische Orgien wiederzuerwecken versucht, legt die Seite durch ihren Traffic das Uni-Netzwerk lahm und wird schließlich abgeschaltet: die Geburtsstunde von Facebook. Auf dem Weg zu diesem Nerd-Saufstreich aus unerwiderter Liebe sehen wir Zuckerberg während der Creditsequenz über den Campus laufen. Wir bemerken, daß der Regisseur des Films es für wichtig hielt, den Turm des Hauptgebäudes in jede Einstellung zu schmuggeln; grundlose Detailversessenheit der unaufdringlichen Art, untermalt mit einem bestechenden dark ambient Soundtrack von NIN-Frontmann Trent Reznor (in Zusammenarbeit mit Atticus Ross). Eine wunderbar einschmeichelnde, zurückhaltende Sequenz für einen trivialhistorischen Moment.

Das Internet war in den 1990er Jahren ein besserer Ort, denn man war unter sich. Ein Haufen zumeist sozial randständiger Individuen war die erste größere Gruppe, die sich in die Spiegelwelt der protokollgestützten Virtualität begab und dort zumeist noch mittels Netiquette, neben dem Austausch von Fachwissen, Nichtigkeiten zur Kunstform erhob: »All your base are belong to us.« Heute ist das Internet mit der gesamten westlichen Welt angefüllt. YouTube-Kommentare zeigen uns die Eingeweide davon, genauso wie die Wikipedia-Artikel zu Filmthemen uns neue Wunderwerke der bemühten Legasthenie präsentieren. In sozialen Netzwerken prostituieren wir die Vorstellung von dem was wir sein wollen oder könnten in dieser Spiegelwelt. Wer hätte im Sommer 1988 seine Bikini-Urlaubsfotos an das Holz der Bushaltestelle genagelt? Das Internet ist ein Abgrund und ich schaue zutiefst begeistert hinein, die moralische Frage bleibt: Adde ich meine Eltern? (Alle Fragen zum Facebook-Nerdtum beantwortet die absolut herausragende Parodie bei South Park in der Folge You Have 0 Friends, siehe Link zur Linken.)

Die Spiegelwelt des WWW bildet die dingliche Welt in keiner Weise ab, auch wenn der Content an Fotos und Videos das glauben machen wollte; sie erschafft sich in jeder Sekunde permanent und raumgreifender neu, sie hat völlig eigene Regeln und Wesensmuster, die sich von Außen zwar beeinflussen, aber niemals – nicht mehr – steuern lassen. Aktuelle Versuche der Politik zur Reglementierung, egal wie einschneidend sie heute erscheinen, werden in der späteren Rückschau herzhaft belacht werden. Wir beobachten eine Utopie im Urknall, die selbst Cyberpunk-Koryphäe William Gibson, der Erfinder der »Matrix«, sich nicht hat vorstellen können. Es ist eine ganz gemeine Ursuppe unendlicher Größe des menschlichen Geistes, 360° Horizont und darüber hinaus, aus jedem Quadratzentimeter kommen Blasen mit gasförmigen Stoffen auf, größere und kleinere, deren Bedeutung wir noch nicht kennen, jede einzelne davon könnte ins Unendliche wachsen und die Welt verschlingen, mit einem Lidschlag ist alles wieder schwarz. Welche? Fragen wir David Gelernter oder gleich Heinz von Foerster. Die Kybernetik ist die Lösung der Menschheitsfrage.

Soviel dazu.

The Social Network ist nicht die Story der Plattform Facebook, auch wenn sie deren Anfangstage vom Studentenstreich bis zur nationalen Firma im Hintergrund hat. Es ist ein Personendrama um Freundschaft und Verrat, das sein herausragendes Drehbuch von The West Wing-Erfinder und Autor Aaron Sorkin in extensiven und unglaublich schmissigen Dialogszenen, die nur Sorkin allein so schreiben kann, wie eine Fahne voran trägt. Der Bilderstürmer Fincher nimmt sich zurück, auch wenn er sich eine besonders expressionistische Ruderregatta als Werbeclip seiner gestalterischen Fähigkeiten gönnt. Er ist dennoch stets als unsichtbarer Allvater anwesend, zeigt sich aber nur in kleinen Details, wie eben dem Turm in der Anfangssequenz. Junge Schauspieler aus der zweiten Hollywoodreihe treten in diesem Oscaranwärter vor, Jesse Eisenberg und Justin Timberlake (hat der mal Musik gemacht?) insbesondere.

Trotz einmaliger Vorzüge hat dieser überraschend gelungene Film auch tiefgehende Schwierigkeiten. Wenn das Drama um Freundschaft und Verrat am Ende ist und Zuckerberg stutzig am Rechner seiner Firma sitzt, folgen vor dem Abspann noch einige Texteinblendungen, die letzte sagt: »Mark Zuckerberg wurde der jüngste Milliardär der Welt«. Schön für ihn, könnte man denken, und: Was interessiert mich die Geschichte eines reichen, unsympathischen Harvard-Kids, das vom Reichen zum Superreichen wird? Diese furchtbar klassische Texteinblendung für jede Erfolgsverfilmungsgeschichte hat hier allerdings einen ironischen Unterton. Denn das Interesse der Filmfigur Zuckerberg für Geld wird zunächst durchgängig bestritten, final aber in Frage gestellt und rührt an dem nicht befriedigend ausbeutbaren Kern des Films, die Figur Zuckerberg. Diese Unausdeutbarkeit ist gut und richtig, ein Problem bleibt: Die reale Person ist bei Erscheinungsdatum des Films gerade 26. Er und seine sehr aktive Firma, die unter dem Deckmantel des »Social Networkings« kostbare Datensammlung zur kapitalistisch motivierten Steuerung der Masse der pseudo-individualiserungssüchtigen Bionaden-Faschisten betreibt, Verzeihung, sind gerade erst im Entstehen. Die kolportierte Abneigung des realen Zuckerbergs gegen den Film dürfte ehrlich sein und das zeichnet den Film aus. Es ist kein Werbetrailer wie es Cast Away für FedEx war.

The Social Network ist vermutlich der erste Historienfilm, der zu früh kommt, als würde man das Neue Testament vor der Kreuzigung verfilmen. Es ist ein schönes Stück Kino, das das einzige Problem hat, der Facebook-Film zu sein, bevor Facebook am Ende ist. Die Geschichte wird diesen gravierenden Fehler, wie alle anderen, bereinigen, wenn unsere Beine trüb und die Augen lahm sind. Gesegnet seien Richard Stallman und Linus Torvalds. Der, der sich für die Wahrheit dieser Dinge verbürgt, sagt: »Ja, ich komme bald!«
2010-10-07 16:49
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