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22 Bullets

L'Immortel. F 2010. R,B: Richard Berry. B: Eric Assous. K: Thomas Hardmeier. S: Camille Delamarre. M: Klaus Badelt. P: Europa Corp, TF1 Films Production, Marie Coline Films, SMTS. D: Jean Reno, Kad Merad, Marina Foïs, Venantino Venantini, Moussa Maaskri, Lucie Phan, Gabriella Wright, Richard Berry u.a.
117 Min. Wild Bunch ab 2.12.10

Der Fluch des ewigen Lebens

Von Nils Bothmann Ein Mann und sein Sohn machen gemeinsam einen Ausflug, der Junge möchte schon mal einem Leierkastenmann zusehen, während Papa das Auto parkt. Im Parkhaus wird der Vater von Bewaffneten niedergeschossen – so beginnt 22 Bullets. Doch bei dem Opfer handelt es sich nicht um irgendwen, sondern den Charly Matteï, einen Gangsterboß außer Dienst, und bei dem Mann, der ihn spielt, um Jean Reno. Reno war schon oft als krimineller Profi zu sehen, in Filmen wie Nikita, Ronin oder Leon – Der Profi. Angesichts dieser Rollenvita wundert es kaum, daß Charly die insgesamt 22 Schußverletzungen überlebt. L'Immortel, also der Unsterbliche, heißt der Film im Original.

Doch es ist nicht allein besagte Auftaktszene des Films, die jenen Titel rechtfertigt, sondern auch der gewissermaßen unsterbliche Mythos, der die Hauptfigur umgibt. Der Zuschauer lernt Charly als besinnlichen Familienmenschen kennen, der mit seiner Mutter und seinem Sohn in einem beschaulichen Häuschen lebt – erst nach dem Attentat erfährt man, welchen Ruf der sonst so ruhige Mensch hat. Ein Ruf, dem die Figur im weiteren Filmverlauf gerecht wird: Trotz schwerer Verletzungen und daraus resultierender körperlicher Einschränkungen kehrt Charly als Racheengel zurück, um diejenigen ins Grab zu bringen, die ihn selbst dort sehen wollten. Doch Charlys Mythos ist nicht nur der Mythos der Filmfigur, sondern der eines ganzen Genres: des franzö- sischen Gangsterfilms.

In den 1960er und 1970er Jahren boomte das Genre unter Regisseuren wie Henri Verneuil, mit Stars wie Alain Delon und Lino Ventura. 22 Bullets steht ganz in der Tradition dieser Werke, ein im besten Sinne des Wortes altmodischer Film. Dementsprechend sind die Gangster in Richard Berrys Werk mittlerweile gealterte Bosse, die entweder den Ausstieg gesucht haben wie Charly oder sich ihrer Machtgier und ihren Marotten ergeben haben, so wie sein Weggefährte Tony (Kad Merad). Gleichzeitig sind sie jedoch nie ihrer Vergangenheit entkommen: Das Leben, in das Charly nach dem Attentat zurückkehrt, ist jenes, das er um jeden Preis zurücklassen wollte, und die Pfade, die er nun wieder beschreitet, sind mit Leichen gepflastert.

22 Bullets ist ein grimmiger, in seiner Konsequenz aber auch ausgesprochen stimmiger Actionthriller, der die Brücke zwischen seinen Vorläufern aus den 1970er Jahren und dem aktuellen französischen Genrefilm schlägt. Die Actionszenen erinnern an Pierre Morels kraftvollen 96 Hours, arbeiten vor allem bei den wilden Verfolgungsjagden mit den gerade gängigen Stilmitteln der Handkamera und des schnellen Schnitts – ein Zeichen dafür, daß die Bournisierung des Actionkinos mehr oder minder unaufhaltsam ist. Doch hier hört der Brückenschlag nicht auf. Kad Merad, bekannt aus Komödien wie Willkommen bei den Sch'tis, interpretiert den Gangsterboß mit zahlreichen Spleens als gleichzeitig komische und dennoch charismatische Figur, wie man sie im grantigen Kriminalfilm eher selten vorfindet – und die dennoch wunderbar in diesem Kontext funktioniert. Und auch der neuen französischen Härte, die vor allem das dortige Horrorkino berühmt-berüchtigt macht, zollt 22 Bullets in seinen ruppigen Gewaltszenen Tribut: Töten, Sterben und der Kampf ums eigene Überleben sind keine saubere Sache, sondern ein verlustreiches Unterfangen: Der Verlust der körperlichen Unversehrtheit, der Verlust von Freunden und Familie, aber auch der Verlust der eigenen Menschlichkeit. Eine prägnante Szene faßt all dies zusammen: Zwei Gangster streiten darüber, ob man es mit dem eigenen Ehrenkodex vereinbaren kann, Charlys kleinen Sohn zu töten, während sich der Vater draußen im Garten zur Rettung des eigenen Kindes durch Stacheldrahtbarrieren quält; die Montage oszilliert zwischen dem hitzigen Streit drinnen und den immer verzweifelteren, immer schmerzhafteren Anstrengungen draußen.

Ebenso konsequent wie böse ist dann der Moment, in dem sich der Kreis schließt: Das Attentat des Auftakts entpuppt sich als Präventivschlag, da man den mythisch verklärten Gangster fürchtete, doch erst das Attentat stachelte ihn zur Aktion und zur Rückkehr aus dem Ruhestand an. Und doch blitzt inmitten all dieser Düsternis Hoffnung auf: Gangster, die vergeben, Gangster, die ihre Familie lieben. Versöhnliche, aber nicht unpassende Momente in einem starken Stück französischen Genrekinos. 2010-12-01 17:21

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