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72 Stunden – The Next Three Days

The Next Three Days. USA 2010. R,B: Paul Haggis. K: Stéphane Fontaine. S: Jo Francis. M: Danny Elfman, Alberto Iglesias. P: Fidélité Films, Hwy61, Lionsgate. D: Russell Crowe, Elizabeth Banks, Michael Buie, Moran Atias, Remy Nozik, Jason Beghe u.a.
133 Min. Kinowelt ab 20.1.11

Im Zweifel für die Normativität

Von Alexander Scholz Freiheit ist vor allem die Freiheit von Zweifeln. Ein System aber, das filmsprachlich durch das kühle Abfotographieren von Schlössern, Überwachungskameras und Gitterstäben charakterisiert wird, hat den Zweifel und das Mißtrauen längst zur Maxime erhoben. Es drängt sich unter der Prämisse eines Freiheitsbegriffs, der sich vornehmlich auf das Urvertrauen des Einzelnen in die eigenen Moralvorstellungen bezieht, als Antagonist geradezu auf. Mit etwas Wohlwollen kann man also das Spannungsverhältnis von individuellem Gerechtigkeitsempfinden und der im staatlichen Kontrollzwang unterminierten Freiheit als Zentrum des Interesses von Paul Haggis’ thrillerartigem 72 Stunden identifizieren. Der Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Haggis zeigt diese Kontroverse anhand eines Protagonisten, der nach Hitchcockschem Vorbild zu Beginn des Films unverschuldet in eine mißliche Lage gerät und sich in dieser trotz völliger Unerfahrenheit behauptet. Aus heiterem Himmel wird die Frau des Englischprofessors John Brennan verhaftet und inhaftiert, während letzterer überzeugt von ihrer Unschuld mit dem gemeinsamen Sohn zurückbleibt und nunmehr den Entschluß faßt, seine Frau auf eigene Faust aus dem Gefängnis zu befreien.

Die Frage nach der Schuld der Frau bleibt dabei zunächst unbeantwortet. Es ist diese Entscheidung, die 72 Stunden von seiner Vorlage, dem vor zwei Jahren von Fred Cavayé verantworteten Ohne Schuld, eindeutig abhebt. Klärt Cavayé zumindest den Zuschauer zu Beginn über die Unschuld der Frau auf, entscheidet sich Haggis, dessen Inszenierung der des Franzosen ansonsten auffallend nahekommt, dieses Problem erst in einem schwülstigen und arg konstruierten Ende zu lösen. Dem Spannungsverhältnis von persönlicher und staatlicher Auffassung von Freiheit und Kontrolle ist dieser Entschluß jedoch eher abträglich. Denn das individuelle Empfinden von Unrecht wird der offenbar nur scheinbar rational motivierten Herangehensweise des Staates stets privilegiert. Obwohl die tatsächliche Schuld der Ehefrau ungeklärt bleibt, kommt somit kein wirklicher Zwist zwischen Privatperson und Institution zustande. Denn im Taumel reaktionärer Selbstzufriedenheit steht das Wertegerüst des Protagonisten kaum zur Disposition. Die Wunden in seinem Gesicht erfährt er, weil ihn die Umstände zur Opposition zwingen, weniger weil er sich in diesen Umständen verrennt, mordet und so die Schuld auf sich lädt, die er seiner als Charakter kaum nennenswert in Erscheinung tretenden Frau nicht zutraut. Wie in L.A. Crash entwirft Haggis auch in 72 Stunden ein Szenario, in dem es vordergründig um die Auseinandersetzung mit relevanten Konflikten geht, als Pointe jedoch lediglich die weitgehend irrelevante Behauptung greifbar wird, mit den richtigen Idealen seien jene Konflikte problemlos zu überwinden. Die sehr amerikanische Sichtweise, jeder Einzelne sei seines eigenen Glückes Schmied und der Staat solle sich aus dem Privaten unter allen Umständen heraushalten, wird hier nicht hinterfragt, sondern auf die Spitze getrieben. 2011-01-17 11:09

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