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127 Hours

USA/GB 2010. R,B: Danny Boyle. B: Simon Beaufoy. K: Anthony Dodd Mantle, Enrique Chediak. S: Jon Harris. M: A.R. Rahman. P: Everest Entertainment, Cloud Eight, Darlow Smithson Prod., Pathé. D: James Franco, Kate Mara, Amber Tamblyn, Sean Bott, Koleman Stinger u.a.
94 Min. Fox ab 17.2.11

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Von Asokan Nirmalarajah Beginnen wir mit dem Subtext. Nicht nur weil der werkgetreue Text von Danny Boyles jüngstem Kinorausch 127 Hours bereits seit 2004 in Form einer Autobiographie – Aaron Ralstons »Im Canyon« – in den Bücherregalen steht. Das in den USA sehr positiv rezipierte Überlebensdrama, dessen recht drastisches Finale für Ohnmachtsanfälle in den Kinosälen diverser Filmfestivals gesorgt haben soll, will uns wiederholt eine weit schlichtere Botschaft eintrichtern: »No man is an island«. Während man von Boyles gewohnt atemberaubenden Bilderfluten und dichten Tonwelten so lange durchgeschüttelt wird, bis man die altbackene Formel eines Einzelgängers schluckt, der durch eine schicksalhafte Fügung seine Bindung zur Gemeinschaft wiederfindet, wird nebenbei eine andere Geschichte erzählt, die – wenn auch nur eine Spur – interessanter ist. Wenn James Franco als enthusiastischer, sorgloser Bergsteiger Aaron sich die Anrufe seiner Familienmitglieder ignorierend aufs Rad schwingt, um abseits vom hektischen Alltag in der Großstadt zurück zur »Mutter Natur« zu finden, dann zwingt sich geradezu eine psychoanalytische Auslegung der Geschichte auf. Franco, der in vielen Filmen Figuren mit unverarbeiteten Konflikten zu ihren Vätern verkörpert hat – wie etwa in der Spider-Man-Trilogie, City by the Sea und als James Dean in dem gleichnamigen Fernsehfilm von 2001 –, bewegt sich hier zurück in den Mutterleib, wenn er zu Beginn der Geschichte in die atemberaubend schönen Schluchten von Utahs Robbers’ Roost Canyons steigt und die Wände der Höhle streichelnd in eine Tiefe eindringt, die ihm mütterliche Geborgenheit verheißt. Die Strafe für diese Regression ist ein Felsbrocken, der einen Arm des energischen Protagonisten einklemmt, für quälend lange 127 Stunden – und für seltsam belanglose 90 Minuten Laufzeit.

Boyle, dessen Filme immer nur dann überzeugen können, wenn er einen passenden Kontext für seinen ungezügelten Hang zu fantastischen Welten, hochdynamischer Inszenierung und surrealen Momenten findet, stolpert mit dem Versuch eines Actionfilms, bei dem sich der Held nicht bewegen kann. Das bedeutet für ihn aber leider, daß die Kamera selten stillsteht und in einer wenig aufregenden stream-of-consciousness-Montage mal in Aarons Vergangenheit, in seine Halluzinationen, gar in seinen Trinkbehälter und in die Zukunft springt. Diese Agilität des Films vermittelt denn auch relativ wenig von der Klaustrophobie und der Verzweiflung eines Protagonisten, der für die notwendige Anteilnahme zu eindimensional bleibt. Man fiebert nicht mit, ob er sein Unglück überlebt, sondern wundert sich über seine Leichtsinnigkeit. Ob man den Film nun als eine inspirierende Hymne auf den Menschen als Gemeinschaftswesen oder als einen effekthascherischen ökologischen Horrorfilm goutiert, in dem der Vereinigungswunsch des Helden mit der Mutter (Natur) dazu führt, daß er sich in der dunklen Spalte gefangen nach dem tröstenden Sonnenlicht sehnt, das er mit seinem Vater assoziiert, 127 Hours ist viel Kinozauber um nichts. 2011-02-11 11:47

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