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Alles erlaubt – Eine Woche ohne Regeln

Hall Pass. USA 2011. R,B: Bobby Farrelly, Peter Farrelly. B: Pete Jones, Kevin Barnett. K: Matthew F. Leonetti. S: Sam Seig. M: Manish Raval. P: Conundrum Entertainment, New Line Cinema. D: Owen Wilson, Jason Sudeikis, Jenna Fischer, Richard Jenkins, Christina Applegate, Nicky Whelan, Stephen Merchant, Larry Joe Campbell u.a.
105 Min. Warner ab 10.3.11

Kein Film für die ganze Familie

Von Frederik König Der reflektierte Kritiker ist sich bewußt, daß Gefallen oder Mißfallen an einem Film meistens äußerst stark durch die Umstände seiner Sichtung bestimmt werden: Wetter, Jahreszeit, Ort (Filmkunsttheater, Multiplex, Beamerprojektion im Wohnzimmer) und die inneren Umstände wie das Gefühlsleben des Kritikers, seine Laune, der persönliche Geschmack und die Bereitschaft, sich auf Fremdes einzulassen sind dabei wie bei jedem anderen Menschen ausschlaggebend. Unter dem Gewicht all dieser Faktoren soll der Kritiker dennoch versuchen, auf sachlich-nüchterne Art und Weise mit einer gewissen Distanz objektiviert über ein Filmwerk zu urteilen und zu schreiben. Spätestens seit der radikale Konstruktivismus sich in alle Lebensbereiche eingeschlichen hat, ist ganz klar: So eine Vorstellung von neutraler Kritik ist ein Widerspruch in sich, ein »Oxymoron«. Es ist schlichtweg ein großer Haufen Quatsch mit Soße.

So sitzt man alleine als Kritiker in der Pressevorführung einer amerikanischen Komödie für Erwachsene im Multiplex und muß sich mit einem zusammengewürfelten Publikum aus Journalisten, Gewinnspielfreikartenbesitzern und Praktikanten aus PR-Agenturen die deutsche Fassung des neusten Werks von Bobby und Pete Farrelly namens Hall Pass anschauen: Zwei postpubertäre Ehemänner, gespielt von Jason Sudeikis und Owen Wilson, bekommen von ihren Gattinnen eine Woche lang frei von der Ehe, um fremde Frauen umzulegen und sich endlich die Hörner abzustoßen. Die Taktik der Damen ist ganz klar: Wenn Du dem Kind im Manne auf einmal die Möglichkeit eröffnest, das zu bekommen, was es am meisten will, und das ist ja bekanntlich bei allen Männern Sex, Sex und nochmals Sex, dann will er es auf einmal nicht mehr. Denn Männer wollen immer nur das haben, was sie grade nicht haben können. Besitzen sie jedoch dieses Etwas, interessiert es sie nicht mehr. Auf diese Weise erhoffen die Ehefrauen ihre Männer endlich in züchtige Ehe-Sklaverinos zu verwandeln, die aufhören, andere außer ihre angetrauten Weibchen anzubeten. Der Plan funktioniert, bis die Frauen merken, daß sie nicht ihren Männern wegen ein Time-Out wollten, sondern es unbewußt für sich selbst wünschten…

Was zunächst noch recht harmlos mit einigen komischen Szenen als Lernstück über das Eheleben beginnt, artet bald in eine sexuell überdrehte Achterbahnfahrt aus. Insgesamt wirkt das alles wie so oft in den großen Komödien etwas plattgewalzt und eindimensional: Die Herren sind allesamt sexgeil aber verweichlicht, während die Frauen durch die Institution Ehe gestärkt ihren Männern die Show stehlen. Und hier kommen wieder die äußeren Umstände ins Spiel. Denn eigentlich ist Hall Pass ein emanzipierter Film, der die patriarchalische Gesellschaft verkehrt und ihre wahren Mechanismen bloßlegt. Als Mann kann man noch so aufgeklärt sein, irgendwie leidet man mit, wenn man sieht, was die beiden Versager von Ehemännern mit ihrer Auszeit anstellen bzw. vor allem alles nicht anstellen. In diesem Sinne wirkt der Film trotz guter Darsteller und einiger gelungener humoristischer Bögen, die nicht nur in kurzen Sketchen schnell wieder verebben, etwas zu moralisch. Da können auch die Detailaufnahmen der männlichen Glieder, die tiefschmutzigen Witze über ausgeleierte weibliche Geschlechtsteile oder Brüste keinen rebellischen Unterton aus dem Ganzen herauskitzeln. Was zum Schluß bleibt, ist ein Film für junge Paare oder verheiratete Menschen, die am Besten zu Zweit ins Kino gehen, um ihren Glauben an die Institution Ehe und die wahre einzige große Liebe durch knapp 100 Minuten Kinovergnügen erst auseinandernehmen und anschließend wieder zusammensetzen zu lassen. Aber bitte laßt die Kinder zu Hause! Amen. 2011-03-09 15:40
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